Ynsanter (2) – Pfade des Feuers

Teil 2 aus der „Ynsanter-Saga“

ynsanter2

Ein schattenhafter Nebel wirbelte um Rylance und schmiegte sich an seinen Körper wie eine zweite Haut. Beim nächsten Atemzug erschloss er die Schattenebene und reiste auf den Schwingen des Schattens zurück nach Vayenya, wo Tallex nervös auf ihn wartete. Überraschend tauchte er in ihrem Schlafzimmer auf und sank erschöpft auf das Sofa. Blass und mit geschlossenen Augen versuchte er sich zu beruhigen, während er schmerzhaft das Gesicht verzog. Schlimmer als die Schmerzen war nur seine Wut.

„Du blutest!“, entfuhr es Tallex geschockt.

Rylance hatte einen tiefen Kratzer an seiner rechten Schulter abbekommen, der heftig pochte und seine Robe mit Blut tränkte.

„Das ist nichts“, entgegnete er matt.

„Du bist verletzt, blutest und sagst, es wäre nichts?“, fuhr Tallex ihn an. Doch im nächsten Augenblick setzte sie sich besorgt neben ihn und untersuchte die Wunde. Sie schien von einem kräftigen Gebiss zu stammen.

„Das heilt gleich wieder.“ Rylance spürte bereits das erste Kribbeln in seinem linken Zeigefinger. Dort saß ein silberner Ring, der bläulich aufleuchtete. Das magische Artefakt hatte mit der Heilung begonnen, und er fühlte sich schon ein wenig besser. Die Schmerzen ebbten langsam ab, noch wenige Minuten und von der Verletzung würde nur noch eine gerötete Hautstelle zeugen. Aber selbst diese würde nach einem Tag verschwinden. Wie sehr er diesen Ring und seine Wirkung schätzte.

Interessiert beobachtete Tallex den Prozess, bis auf die zerrissene Kleidung nichts mehr übrig war. „Was ist eigentlich passiert? Du warst so schnell weg, dass ich nicht einmal reagieren konnte.“

„Deine Sorge ehrt mich, das spielt jetzt aber keine Rolle mehr“, wich er einer direkten Antwort aus. Als sie ihn jedoch ärgerlich anstarrte, räusperte er sich. Immerhin verfolgten sie ein gemeinsames Ziel, und Tallex hatte ihm bisher gute Dienste geleistet. Sie verdiente eine Erklärung. „Ich wurde von meiner Wut gelenkt. Der alte Sklaventreiber Nezzir Rawon ist ein Volltrottel. Eigentlich wollte ich ihm zur Strafe die Lebensenergie stehlen, dazu kam es aber nicht. Denn plötzlich war er nicht mehr alleine. Ich hätte es mir denken können. Neferrilion hat ihn nicht aus den Augen gelassen und war mit dem Wächter in Wolfsform aufgetaucht. Eines ergab das andere, und das Ergebnis siehst du. Der Wächter hat mich attackiert und abgelenkt, damit der Priester mich mit seiner göttlichen Magie angreifen konnte. Beide haben mich unvorbereitet getroffen. Ich hatte keine Chance. Ich konnte mich nur noch mit einem starken Schildzauber schützen, bevor ich in den Schatten tauchte.“

„Du hast gegen Zakar … ich meine Neferrilion gekämpft?“ Tallex staunte über alle Maßen. „Das hätte ich nur zu gerne gesehen.“

„Das kann ich mir vorstellen“, schnaubte Rylance grimmig und besah sich seine kaputte Robe. „Die werde ich ersetzen müssen. Darin steckte eine Menge Arbeit. Zuerst muss ich aber meinen Vorrat an Lebensenergie auffrischen. Mein Ring wird allmählich schwächer. Und dann, beim nächsten Treffen, werde ich es den beiden heimzahlen. Dafür werden sie büßen.“

„Vergisst du nicht etwas?“, entgegnete Tallex. „Wir haben das Gespräch zwischen Neferrilion und diesem jungen Priester Ronor heimlich belauscht, und Neferrilion genießt die Gunst des Feuergottes. Außerdem ist er Magier und …“

„Ein Magier vielleicht“, unterbrach Rylance seine Geliebte, „aber er besitzt nicht die Kräfte der Schatten, nicht einmal Zevenaar beherrscht diese Fähigkeiten. Beim nächsten Wiedersehen werde ich sie vernichten und mich an dem Wächter rächen.“

„Und was gedenkst du zu tun?“, fragte Tallex neugierig, lief zu einem kleinen Tischchen und schenkte für sie beide einen Becher Weißwein ein. Mit ihnen kam sie zurück und setzte sich wieder neben ihn.

Das war eine berechtigte Frage, wie der Nekromant durchaus wusste. Fieberhaft dachte er darüber nach und ließ sich dabei von Tallex weichen Lippen und zärtlichen Fingern verwöhnen. Lustvoll küsste sie ihn im Gesicht und am Hals, ihre Hände glitten dabei unter die Robe und massierten seine Brust. Er liebte ihre Liebkosungen, sie brachten sein Blut in Wallung. Doch plötzlich stieß er sie von sich und schleuderte einen der Weinbecher zu Boden. An der Stelle breitete sich augenblicklich eine kleine Pfütze aus.

Erschrocken starrte sie Rylance an.

„Wir zwei müssen zu Calenor“, sprach er seine Gedanken laut aus. „Ich habe eine Idee und dazu brauche ich ihn.“ Er stand auf und reichte ihr die Hand.

„Aber er ist wieder in Caress.“ Verwirrt ließ sich Tallex aufhelfen. Bei der Erinnerung an Calenor durchfuhr sie ein kalter Schauer. Sie hatte ihn schon seit einigen Tagen nicht mehr gesehen, und eigentlich hatte sie ihn auch so schnell nicht wiedersehen wollen. Sie war Rylance’ Charme mit jeder Faser ihres Körpers verfallen und verspürte keine Lust, sich mit Calenor zu unterhalten, und sich womöglich von ihm berühren zu lassen.

„Das macht nichts, ich fühle mich stark genug, um uns beide durch den Schatten nach Caress zu bringen“, bedeutete er rasch und bedachte sie mit einem listigen Lächeln.

Innerhalb der nächsten Minuten setzte der Nekromant seine Worte in die Tat um. Gemeinsam reisten sie auf schattenhaften Schwingen durch Raum und Zeit und tauchten in der alten Stadt der Priester wieder auf. Sie befanden sich unmittelbar vor dem Haus Kurutamat.

Das fünfstöckige Gebäude fußte am Ufer des Lavasees von Caress, der zugleich den zentralen Mittelpunkt der Stadt bildete. Die glühende Lava strahlte so hell, als würde die Sonne scheinen. Der natürliche See war vor langer Zeit von Zevenaarpriestern mit einer unsichtbaren Magiebarriere versehen worden, sodass die Lava die Stadt nicht zerstören konnte und die Einwohner nicht an den giftigen Dämpfen starben. Für frische Atemluft sorgte ein ausgeklügeltes magisches System aus Löchern in der Höhlendecke, es gab sie schon so lange, wie Caress existierte.

Das Haus Kurutamat bestand aus schwarzem Marmor. Türme und Minarette stachen an den Ecken wie Klauen in die Höhe. Mindestens zwei Dutzend Raukarii patrouillierten um das Gebäude herum. Es war nicht nur das prächtigste und eindrucksvollste Anwesen der Stadt, sondern auch das bedeutungsvollste.

Erst vor einer Woche war Rylance zu Besuch gewesen, als er den Komfort von Calamarlyhtos’ kräftigem Drachenrücken in Anspruch genommen hatte. Er war vom Konzil, oder besser gesagt, von Anarch höchstpersönlich eingeladen worden.

Beide Raukarii hatten jedoch keinen Blick für die Schönheit des Anwesens oder die Wunder der Stadt übrig und machten sich sofort auf den Weg zu Calenors Privatgemächern. Sie trafen ihn mit einer seiner zahlreichen Bettgespielinnen in einer kompromittierenden Situation an. Verärgert sprang er aus dem Bett und streifte sich Hose und Hemd über, während die Raukarii nackt aus dem Raum floh. Tallex schaute ihr mit angeekelter Miene hinterher.

„Wenn ihr eine Nachricht geschickt hättet“, sagte Calenor, als er nun auch seine Stiefel anzog, „dann hätte mein Vater sicherlich einen Empfang vorbereitet.“

„Du meinst wohl, du hättest dieses Flittchen vorher entlassen“, konterte Tallex gereizt, und doch war sie insgeheim froh, dass nicht sie das Bett mit ihm teilte. Er hatte einfach nicht das zu bieten, was Rylance ihr gab, und das war mehr, als sie sich je erträumt hatte.

„Vielleicht.“ Er lächelte verschmitzt und setzte sich auf einen Sessel. Seine unerwarteten Gäste hatten bereits auf einem Diwan ihm gegenüber Platz genommen. „Und was verschafft mir die Ehre des Besuchs?“

Ohne Umschweife erzählte der Nekromant, was vorgefallen war und was er und Tallex über Nezzirs Begleiter herausgefunden hatten.

„Interessant … wirklich sehr interessant“, sagte der Waffenmeister, nachdem er darüber nachgedacht hatte. „Wäre es nicht besser, meinen Vater oder Calamarlyhtos darüber zu informieren? Ich bin ein Krieger und kämpfe mit Waffen, aber gegen einen Magier kann ich recht wenig ausrichten.“

„Vielleicht mehr als jeder andere“, begann Rylance ihm zu schmeicheln, „denn in diesem Fall wird ein grandioser Krieger mit scharfen Sinnen und Weitsicht benötigt.“ Inständig hoffte er, damit zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Den Waffenmeister von Tallex fernzuhalten, damit sie ihm gänzlich verfiel, und gleichzeitig Calenor für seinen Plan zu gewinnen.

„Aha“, meinte Calenor nicht ganz überzeugt. „Vor einer Woche hat das Konzil beschlossen, dass ich die Truppen nach Zyrakar anführen soll, kurz nachdem …“

„Das kann auch jeder andere“, unterbrach ihn Rylance und grinste. „Euer Stellvertreter Saylzar ist der Aufgabe durchaus gewachsen und wird die Truppen bis zur Hauptstadt führen können.“

„Saylzar ist aber …“, setzte Calenor zu einer Antwort an, der Nekromant schnitt ihm aber erneut das Wort ab.

„Der Raukarii ist ein guter und fähiger Kommandant. Das waren Anarchs Worte. Also kann er die Aufgabe übernehmen.“

„Da stimme ich mit Anarch überein“, mischte sich nun Tallex ein und beobachtete die verwunderte Miene ihres langjährigen Geliebten. Sie ahnte, dass ihm dieses Thema keinesfalls behagte. Zum einen vertraute Calenor nur sich selbst und seinen Fähigkeiten, denn er war ein Krieger mit Leib und Seele. Zum anderen stellte der Truppenaufmarsch nach Zyrakar für ihn die größte Ehre seiner bisherigen Laufbahn dar. Diese einmalige Gelegenheit würde er sich nicht einfach aus der Hand nehmen lassen. Der Köder musste dementsprechend sehr viel mehr wert sein. Doch sie tappte bisher ebenso im Dunkeln wie Calenor und wartete gespannt, was Rylance sich hatte einfallen lassen. Bisher waren seine Pläne unbezahlbar gewesen.

„Hör dir erst an, was Rylance dir zu sagen hat“, fuhr sie fort. „Ablehnen kannst du später immer noch. Ich erinnere dich aber gerne an ein gemeinsames Ereignis, und das Stichwort lautet Götterschwert.“

„Ynsanter?“ Ungläubig riss Calenor die Augen auf. Es schien für ihn eine Ewigkeit her zu sein, dass er mit Tallex nach dem Schwert gesucht hatte. Durch die Truppenaufstellungen gegen die Zevenaaranhänger war Ynsanter weit in den Hintergrund gerückt. Sein Fokus lag auf der baldigen Vernichtung des Klerus’, der mit allen Mitteln eliminiert werden musste.

„Ja … Ynsanter“, nahm Rylance den Faden auf und begann, seine Idee zu erläutern. „Ich möchte, dass du für mich Auge und Ohr bist. Für mich ist es schwierig, in den Norden zu reisen, jetzt, kurz vor unserer ersten Schlacht. Aber du kannst es ohne Weiteres mit meiner Hilfe schaffen. Du sollst an meiner Stelle nach Ianara reisen. Aber nicht auf dem Pferd oder zu Fuß. Dafür habe ich etwas ganz Besonderes für dich. Es wird dich dabei unterstützen.“

Die Raukarii sahen den Nekromanten sprachlos an.

„Ich möchte dich verwandeln“, sprach Rylance weiter und schien nun ganz in seinem Element zu sein. „Du sollst dem Auserwählten Zevenaars als Amurleopard folgen, bis er den Schrein erreicht hat. Dann komme ich ins Spiel. Wenn wir zusammenarbeiten, wird Ynsanter und seine ihm innewohnende Macht schon bald uns gehören und keinem schwächlichen Gott, der nicht mal in der Lage ist, uns aufzuhalten. Doch ich warne dich, du darfst den Auserwählten nicht töten. Zuerst muss er das Schwert in den Händen halten. So lange muss er am Leben bleiben.“

Abschließend lächelte er geheimnisvoll und stellte sich vor, wie er sich Ynsanters Kraft zunutze machte, um endlich das Ziel seiner Träume zu verwirklichen. Ein Ziel, welches weit mehr beinhaltete als die Macht des Götterschwertes. Um seine vorausgegangenen Worte schließlich zu bekräftigen, griff Rylance in die Innentasche seiner zerrissenen Robe und holte einen äußerst wertvollen, aber auch seltenen Edelstein hervor. Er war so groß wie ein kleiner Finger. Diesen Stein – den er vor über siebenhundert Jahren durch seine magische Kraft zu dem gemacht hatte, was er heute war – hielt er bewundernd in die Höhe. Die glatt geschliffenen Silhouetten des blauvioletten Edelsteins spiegelten die brennenden Kerzen des Raumes tausendfach wider und zogen die Raukarii in seinen Bann. Er war wunderschön und strahlte eine mysteriöse Aura aus, die mit Respekt einherging.

„Das ist ein Iolit“, erklärte Rylance. „Er ist mit einem Zauber belegt, dessen Träger es gestattet ist, sich jederzeit in eine Raubkatze zu verwandeln. Aber die Verwandlung funktioniert nur, wenn man das auslösende Wort ausspricht. Und wenn du dich entschließen solltest, mir zu helfen, Calenor …“, er sah dem Waffenmeister verheißungsvoll in die Augen, „… dann besitzt du auch zugleich alle Instinkte eines Raubtiers. Die magische Kraft wird nur deinen Körper verändern, aber nicht deine Seele.“

Als Rylance seine Erklärung abschloss, überreichte er den funkelnden Edelstein an Calenor weiter, der ihn vorsichtig in die Hand nahm und ehrfürchtig musterte. Auf den ersten Blick sah er aus wie ein ganz normaler Edelstein, doch aus seinem Inneren drang eine angenehme Wärme heraus. Je länger er hineinblickte, desto wärmer wurde er, und ein leichtes Kribbeln durchfuhr seine Finger. Er hatte den Eindruck, als würde er ein magisches Schwert in Händen halten, eines, wie es ihm Calamarlyhtos vor Jahrhunderten einmal geschenkt hatte. Die Magie war zum Greifen nahe. Weder das Schwert noch der Edelstein waren ersetzbar, und er fühlte sich auserkoren.

„Wirst du die Aufgabe annehmen?“, erkundigte sich Rylance und beobachtete zufrieden Calenor, dessen Augen vor Lust und Gier, Furcht und Respekt glänzten.

„Ich werde“, antwortete der Raukarii und grinste breit. Im Geiste sah er sich schon als Raubkatze, er würde Nezzir Rawon und Neferrilion in Stücke zerreißen. Oh ja, das wäre ein Kampf ganz nach seinem Geschmack.

„Sehr schön“, freute sich Rylance. Eine andere Antwort hätte er auch gar nicht zugelassen. Auf seine einnehmende Magie war eben Verlass. „Dann vergeuden wir keine kostbare Zeit. Ich werde dich, sobald du bereit bist, vor die Tore der Stadt bringen, um die Verwandlung mit dir durchzuführen.“

Eine Stunde später war alles für eine übereilte Abreise vorbereitet. Tallex unterrichtete Anarch Kurutamat, dass sein Sohn im dringenden Auftrag des Nekromantenzirkels augenblicklich abreisen musste, während Rylance den Waffenmeister aus Caress begleitete. Unmittelbar hinter der großen Steinbrücke, die den einzigen begehbaren Weg über den Feuerspalt darstellte, machten sie Halt.

Die Brücke war ein architektonisches Meisterstück der alten Erbauer. Aus einem einzigen Felsen gehauen, konnten zehn bewaffnete Soldaten nebeneinander darüber marschieren. Eine Brüstung mit Rundbögen erstreckte sich über die Länge von fast zweihundert Metern entlang. Sie war vom schwefelhaltigen Dunst eingehüllt, unterdessen gähnten im tiefen Abgrund zerklüftete Felsvorsprünge und der brodelnde Lavastrom. Die Hitze stieg nach oben und brachte beide zum Schwitzen. Inzwischen verblasste der Mond am Nachthimmel, und das erste Dämmerlicht kündigte den neuen Tag an.

Die beiden Männer hatten kein Auge für die Architektur ihrer Vorfahren übrig, oder für das orangerote, idyllische Farbenspiel am Horizont. Für Calenor galt es, das Prinzip der Verwandlung zu verinnerlichen. Vor allem kam es auf die richtige Aussprache des befehlenden Wortes an. Nach mehreren Erklärungen nahm der Nekromant den Iolit ein letztes Mal an sich und packte ihn in ein ledernes Säckchen. Dieses befestigte er an einer Lederschnur und hing sie Calenor wie eine Kette um den Hals. Damit war gewährleistet, dass er das kostbare magische Juwel stets bei sich trug und nicht verlieren konnte.

Dramuurdor“, sprach Calenor nach genauer Anweisung die magischen Silben dreimal hintereinander aus, jedes Mal mit einer anderen Betonung, wie er es eben gelernt hatte.

Kaum ausgesprochen, spürte er die erste Wirkung des Zaubers. Sein ganzer Körper begann zu kribbeln. Zuerst war es angenehm, aber rasch ging das Jucken in ziehende Schmerzen über, als würden seine Muskeln sich von alleine überdehnen. Binnen weniger Atemzüge verschlimmerten sich die Schmerzen, er glaubte, sein Blut würde kochen und ihn von innen heraus verbrennen. Er wollte aufschreien, aber aus seiner Kehle drang statt eines Schreis ein tiefes Fauchen. Immer noch durch Schmerzen gepeinigt, schaute Calenor verzweifelt auf seine Hände. Unter höllischen Qualen schrumpften seine Finger und wurden breiter, währenddessen brannte sein gesamter Körper, als würde er in siedender Lava stehen. Wo eben noch seine Fingernägel saßen, wuchsen plötzlich scharfe Krallen. Auf seiner Haut wuchs dichtes, geschecktes Fell.

Die Umwandlung erstreckte sich über seinen gesamten Körper. Seine Knochen knackten, deformierten sich, und von seiner Kleidung blieben lediglich zerrissene Fetzen auf dem staubigen Boden übrig. Schließlich hatte sich aus Calenors Raukariikörper der geschmeidige und kräftige Leib eines Amurleoparden geformt.

Mit einem kehligen Fauchen war die Verwandlung abgeschlossen, und Rylance beobachtete das prächtige Tier mit wachsamem Blick, das seine messerscharfen Zähne bleckte. Vor ihm stand eine fast drei Meter lange Raubkatze mit dunkelgelb und schwarz geschecktem Fell. Der lange Schwanz peitsche nervös hin und her, und die abgerundeten Ohren vernahmen nun Geräusche, die selbst für einen Raukarii nicht mehr zu hören waren. Das Einzige, was das Tier von einer normalen Raubkatze unterschied, waren die Augen. Sie funkelten im Licht der aufgehenden Sonne bernsteinfarben.

Das Säckchen mit dem Edelstein hing um den Hals des Leoparden, der sich überraschend schnell von dem Magier abwandte und mit kräftigen Beinen gen Norden davonstürmte.

Wie Rylance wohl wusste, verstärkte der Iolit von nun an Calenors neue Raubtierkräfte und Instinkte. Bis zum Sonnenuntergang würde er keine Pause benötigen und dabei schneller vorankommen als ein normaler Amurleopard. Der Stein war sogar in der Lage, auch die letzten körperlichen Reserven zu mobilisieren. Aber am meisten schätzte Rylance die Möglichkeit, mit dem Tier jederzeit telepathisch Kontakt aufnehmen zu können.

Schließlich drehte sich der Nekromant um und bewunderte durch den Nebelschleier hindurch die Steinbrücke. Sie stellte wahrhaftig ein Meisterwerk dar. Darüber sinnierend begab er sich zurück zum Haus Kurutamat und zu Tallex. Endlich musste er sich keine Sorgen mehr um Ynsanter machen, denn mit seinem klugen Schachzug konnte er sich vorerst ganz auf den ersten Schritt der kommenden Eroberung konzentrieren: die Einnahme von Deir al-Bahri.

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