Sträflingskarneval

 

straeflingskarneval

Wie es sich herausstellte, war Gillean zwar überrascht, was er über Aidan erfuhr, war aber froh, dass er inzwischen unter Mrs. Buckleys Aufsicht stand, während sein Hass auf Bartholemeus Hinthrone und Peter Smith durch Ryans Erzählungen immer mehr Nahrung fand. Schließlich lebte ihre alte Freundschaft wieder neu auf.

In den nächsten Tagen verbrachte Gillean viel Zeit in der Küche. Es wurde viel geredet, alle Neuigkeiten ausgetauscht und schließlich wurde er sogar Zeuge, als Aidan und Ryan sich küssten. Er nahm diese Tatsache mit einem Lächeln auf und wünschte den beiden viel Glück. Damit war dieses Kapitel für ihn erledigt. Alles in allem war es ein guter Anfang, der jedoch nach einem Monat von einer unerwarteten Nachricht überschattet wurde.

Am Morgen des 31. Januars 2010 erreichte ein Brief von Kendra O’Neill die drei Schüler, der ihnen einen Schock versetzte.

„Was machen wir jetzt?“ Gillean starrte mit gemischten Gefühlen auf die Zeilen. „Wir können es nicht einfach totschweigen.“

„Sei nicht albern.“ Kimberly seufzte und gab ihm trotzdem ein Küsschen auf die Wange.

„Sagen müssen wir es“, sagte Ryan. „Immerhin betrifft es ihn genauso wie sie.“

„Ich gehe sofort zu ihm“, meinte Gillean und stand schnell auf.

„Wir gehen mit“, warf Ryan ein.

„Das ist eine gute Idee. Allerdings müsst ihr auf mich verzichten. Ich muss noch zu Mrs. Buckley,“ meinte Kimberly.

Gillean und Ryan runzelten verwundert die Stirn, dann zuckten sie mit den Schultern und machten sich zu zweit auf den Weg. Sie danach zu fragen, warum sie schon wieder zur Schulleiterin ging, sparten sie sich. Kimberly würde – ebenso wie die letzten drei Male – nichts verraten. Mit Kendras Brief bewaffnet, trat Ryan hinter Gillean in die Küche. Sie entdecken Aidan an einer der Geschirrspülmaschinen, wo er schmutziges Geschirr einräumte. Als er sie auf sich zukommen sah, warf er Ryan verstohlen einen liebevollen Blick zu und freute sich, ihn zu sehen. Er hatte erst zum Mittagessen mit ihm gerechnet und dann war auch noch Gillean bei ihm. Beide wirkten jedoch irgendwie geknickt.

„Ihr seht aus, als würde die Welt gleich untergehen“, stellte Aidan fest, als sie vor ihm stehen blieben.

„Vielleicht. Wir müssen mit dir reden, alleine“, antwortete Gillean und deutete zu Aidans Schlafkammer.

„Ähm … okay, ich sage nur schnell Mrs. Clark Bescheid.“

Zu dritt traten sie in die umfunktionierte Vorratskammer. Ryan setzte sich mit Aidan aufs Bett, Gillean nahm an dem kleinen Tisch Platz. Skeptisch musterte Aidan kurz darauf den Brief, den Ryan ihm aushändigte. Für einen Moment huschte ein Lächeln über sein Gesicht, denn er erkannte Kendras Handschrift, aber schon einen Moment später wurde er zusehends ernster. Sein Blick flog hastig über die geschriebenen Zeilen, bis er das Papier auf den Boden fallen ließ und ins Leere starrte.

„Aidan?“, fragte Gillean. „Geht’s dir gut?“

„Ja“, erklärte Aidan schlicht.

„Bist du dir auch ganz sicher?“, erkundigte sich Ryan, der mit einer ganz anderen Reaktion gerechnet hatte.

„Ja.“

„Wirklich?“ Irritiert schaute Ryan zu Gillean, der jedoch so aussah, als hätte er das vorausgesehen.

„Ja, wirklich“, erklärte Aidan eindrücklicher. „Mir geht es gut. Ich bin nur froh, dass Mum bei Tante Kendra ist, ihr wird es bestimmt nicht gut gehen.“

Ryan schluckte unwillkürlich. „Verzeih mir, aber…. dein Vater ist gestorben und du nimmst das … einfach so hin?“ Er hatte zwar Lawren McGrath nie ausstehen können und dieser hatte auch nicht unschuldig in Llŷr gesessen, aber trotzdem war er verwirrt.

Aidan gab darauf keine Antwort. „Meinst ihr, sie haben ihn zu Tode gefoltert?“, fragte er stattdessen überraschend und fixierte Gillean.

Ryan saß sprachlos da und lauschte aufmerksam.

„Wenn du mich fragst … dann ja“, gab Gillean sträubend zu. „Darin sind Hinthrones Männer bestimmt nicht anders als die Mörder der Datla Temelos oder andere skrupellose Killer.“

„Stimmt!“ Aidan nickte und für einen Sekundenbruchteil glaubte Ryan, ihn zusammenzucken zu sehen. Doch als wäre nichts gewesen, fuhr er einfach fort. „Jetzt steht also endgültig fest, dass mein Vater seine Geheimnisse mit ins Grab genommen hat. Nur meine Mum weiß noch von dem Wächterring – ihr ausgeschlossen – aber sie wird von Hinthrones Spionen überwacht. Und deine Mutter …“, er sah Gillean an und schluckte die nächsten Worte runter, während dieser die Hände zu Fäusten ballte. Seit er wusste, dass seine Mutter angeblich nicht eines natürlichen Todes gestorben war, hatte er an ihren Mördern Rache geschworen. „Hinthrone hat jetzt zwei Leute auf dem Gewissen“, sprach Aidan weiter. „Aber was soll ich tun? Alles totschweigen? Mein Dad hat vor der ganzen Sache immer wieder darauf bestanden, dass ich das Geheimnis bewahren muss, aber ich kenne es ja nicht einmal. Und dann kam plötzlich Ramon MacDermot und hat meinen Vater unter Druck gesetzt. Bei ihm hatte ich von Anfang an ein schlechtes Gefühl. Wie er einen angeschaut hat, lief es einem kalt den Rücken runter. Und von da an ging alles schief. Trotzdem ergibt alles für mich keinen Sinn. Ich verstehe nicht, was das überhaupt soll.“

„Und ob es Sinn macht“, erwiderte Gillean, der sich wieder etwas gefasst hatte.

„Was willst du damit sagen?“ Aidan war plötzlich interessiert, ebenso wie Ryan.

„Es ist so …“, begann Gillean und dämpfte seine Stimme. „Die Freundschaft zwischen Rossalyn und meiner Mutter war quasi ein offenes Geheimnis. Kannst du dich noch an den Besuch deiner Mum bei uns erinnern, Gillean? Kurz nach den Ostertagen war das. An dem Tag war sie doch so komisch, da muss sie von dem Wächterring erfahren haben, dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Nur wenig später fand dann der Angriff auf Omey Island statt. Und jetzt stellt euch vor, Ramon MacDermot hätte jetzt ebenfalls von dem Wächterring erfahren …“

„Halt mal!“, unterbrach ihn Ryan. „Darum geht es aber doch nicht, oder?“ Dabei sah er verwirrt zwischen Aidan und Gillean hin und her.

„Doch, aber nur am Rand“, antwortete Gillean. „Also noch mal von vorne. Die Datla Temelos unter der Führung von MacDermot wollten nicht nur den Orden einkassieren, auflösen … oder was immer wirklich ihre Absicht war. Ich glaube, sie haben von diesem Gesetzestext gewusst und was sich darin verbirgt. Versteht ihr? Der Wächterring gehört in deine Familie, Aidan. Nehmen wir also an, sie wussten davon und dass Aidans Vater das Geheimnis bewahrt und den Ring besitzt, dann ergibt es doch durchaus Sinn. Da liegt es nicht fern, dass auch Ryans Urgroßvater davon wusste, der ja immerhin Großmeister war.“

„Du vergisst aber, dass der Mörder deiner Mutter vermutlich Bartholemeus Hinthrone ist“, sagte Aidan, der auf das belauschte Gespräch zwischen von Mrs. Buckley und Mrs. Donahue andeutete.

„Moment“, warf Ryan ein. Jetzt wurde ihm das Ganze etwas zu viel. „Damit ich das richtig verstehe. Nachdem Lawren McGrath jetzt tot ist, sowie mein Urgroßvater und auch Gilleans Mutter, sind Rossalyn und Aidan die einzigen noch Lebenden, die von dem Originaltext und dem geheimen Weg wissen, wobei der Wächterring von Nöten ist, damit man diesen Weg überhaupt bestreiten kann. Aber außer Rossalyn weiß kein Mensch, was sich dort wirklich befindet. Habe ich recht?“

Beide nickten.

„Gut, dann ergibt es irgendwo doch einen Sinn“, rätselte nun Ryan weiter. „Nehmen wir an, die Datla Temelos wollten unbedingt dieses Geheimnis lüften und wahrscheinlich deswegen den Orden einnehmen, deshalb haben sie Omey Island angegriffen. Dann passt aber Hinthrone nicht ins Bild, wenn man von seiner Sucht nach Macht absieht. Außer er hätte mit den Formori gemeinsame Sache gemacht.“

„Wieso nicht“, stimmte Gillean ihm zu und zusammen schauten sie zu Aidan.

„Keine Ahnung“, erwiderte der plötzlich kleinlaut. „Ramon und seine Männer waren zwar mehrmals bei uns zu Hause und haben sich mit meinem Dad in seinem Arbeitszimmer eingeschlossen. Aber Hinthrone war nie dabei, wenn es das ist, was ihr gerade denkt. Und vergesst nicht, ich habe nie mitbekommen, über was sie sich unterhalten haben.“

„Leute“, meldete sich Ryan zu Wort, dem nun wirklich der Kopf schwirrte. „Das sind haarsträubende Theorien, aber es gibt niemand, der uns aufklären will. Rossalyn schweigt, genauso wie ihre Schwester; und Mrs. Buckley können wir ja wohl schlecht darauf ansprechen.“

Danach schwiegen sie und der Tod von Lawren McGrath rückte langsam wieder in den Vordergrund.

„Es ist ganz gut, dass mein Dad jetzt nicht mehr da ist“, verkündete Aidan emotionslos und knüllte den Brief seiner Tante zusammen.

Entgeistert beobachtete ihn Ryan dabei. „Aber er war dein Vater …“

„Rate mal, das weiß ich“, schnaubte Aidan unerwartet und warf das zusammengeknüllte Papier in die nächste Ecke. „Aber er war nicht dein Vater, Ryan.“

„Das glaube ich jetzt nicht,“ stammelte Ryan fassungslos.

„Dann tu’s auch nicht, aber dein plötzliches Mitgefühl für meinen Vater grenzt schon an Heuchelei.“

„Es ist kein Mitgefühl“, verteidigte sich Ryan, der die neue Richtung ihres Gespräches nicht gut fand, ganz abgesehen von Aidans bissigem Tonfall. Doch er versuchte ruhig zu bleiben. „Aber du hast wenigstens einen Vater gehabt, ich nicht.“

„Ich verstehe dich“, meinte Gillean, bevor Aidan was sagen konnte. „Ich kannte meinen Dad auch nicht, nur von zwei Fotos, die noch vor meiner Geburt gemacht wurden. Meine Mum hat mir auch nie wirklich etwas von ihm erzählt … nicht mal, wo er in Spanien begraben ist. Gerade mal seinen Namen kenne ich.“

Ryan warf Gillean einen Blick aus einer Mischung zwischen Verständnis und Mitgefühl zu.

„Aha … und jetzt glaubt ihr, dass ich wegen mangelnder Trauer ein schlechter Sohn bin?“, platzte es gekränkt aus Aidan heraus.

„Nein!“, antworteten beide gleichzeitig.

„Ihr hättet bestimmt nicht mit mir tauschen wollen“, versuchte Aidan versöhnlicher zu klingen, was ihm allerdings nicht so recht gelang. In seiner Stimme schwang eine unterschwellige Frustration mit. Die Erinnerungen an seine Kindheit wirbelten wie ein Albtraum durch seinen Kopf. Nervös knetete er die Finger. „Ihr denkt wahrscheinlich, Lawren war ein guter und perfekter Vater. Da liegt ihr so was von daneben. In mir hat er nur den männlichen Erben des Namens und des Vermögens gesehen. Und weil die gesamte Familie McGrath von den Urvätern unseres Ordens abstammt – wir kommen direkt hinter deiner Familie, Ryan – war es für ihn sehr wichtig, alles zu tun, dass ich auch nie außerhalb des Ordens heirate. Tja, dass ich schwul bin, hat er zum Glück nicht gewusst.“ Er machte eine kurze Pause und starrte auf den Boden. „Früher hat er mir immer nur gesagt, was ich machen soll und wenn es nicht klappte, hat er … na ja, er hat halt ein paar Ohrfeigen ausgeteilt. Ich sollte eben immer und überall zeigen, dass ich sein Sohn bin. Und dann hat er plötzlich gemeinsame Sache mit MacDermot gemacht und meine Mum und mich einfach mit in die Sache reingezogen. Daher ist es ganz gut, dass er jetzt tot ist und er uns für alle Zeit in Ruhe lässt. Wenn ihr also unbedingt jemanden trösten wollt, dann meine Mum. Mir geht es gut, diese Nachricht kam nur sehr überraschend.“

Nach dieser impulsiven Erklärung sahen Ryan und Gillean die Sache aus einem völlig anderen Blickwinkel, und sie nickten verstehend.

„Irgendwie erinnert mich das an meinen Cousin“, sagte Ryan und seine Freunde sahen ihn neugierig an. „Schon seit dem Kindergarten wollte er immer besser und beliebter sein als ich. Manchmal hat er sich gerne mit mir geprügelt und am Schluss mir die Schuld in die Schuhe geschoben. Prügeln ist echt sein Lieblingshobby. Und offenbar scheint es mein Onkel auch endlich kapiert zu haben, denn er hat ihn zu Hause rausgeschmissen.“

„Jungs“, meldete sich Aidan zu Wort. „Es ist besser, wenn ich jetzt wieder arbeite. Mrs. Clark fragt sich bestimmt schon, was los ist und ich habe keine Lust, ihr etwas zu erzählen. Können wir uns vielleicht in meiner Mittagspause weiter unterhalten?“

„Ups.“ Gillean sah auf seine Uhr. „Wir müssten schon längst in Mathe sein.“

„Mist!“ Ryan sprang vom Bett auf. „Mr. Bourke hält uns garantiert eine Standpauke.“

Aidan lachte, er konnte sich seinen früheren Lehrer gut vorstellen.

„Hier wird nicht gelacht. Ich möchte lieber einen Abschiedskuss“, flüsterte Ryan und beugte sich zu Aidan vor.

„Dein Wunsch ist mir Befehl“, salutierte Aidan frech schmunzelnd und dann küsste er ihn.

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