Ynsanter (1) – Pfade des Feuers

Teil 1 aus der „Ynsanter-Saga“

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Es war ein heißer Sommertag in der Hafenstadt Deir al-Bahri. Die Sonne stand im Zenit. Viele Raukarii flohen vor der ansteigenden Mittagshitze in ihre kühlen Häuser oder suchten Schatten unter den vereinzelten Bäumen. Einige Bewohner verbrachten diese Tageszeit auch gerne im Hafen. Die salzige Seeluft wehte von Westen angenehm erfrischend durch die vielen Docks, Kais und umliegenden kleinen Gassen und Häuserschluchten. An jenem Ort lungerten die finstersten Gestalten herum, vom Piraten, über Söldner, bis zum einfachen Matrosen und deren oft zweifelhaften Offizieren, sogar einige Kapitäne. Die feinen Bürger von Deir al-Bahri, die nicht sehr zahlreich waren, bewohnten das äußere Händlerviertel. Stadtwachen durchstreiften diese Gegend, doch auch unter ihnen gab es zwielichtige Zeitgenossen, deren Schweigen man sich ohne Weiteres für einige Edelsteine erkaufen konnte. So vermochten Halunken auch in der vornehmeren Gegend in Ruhe ihren Geschäften nachzugehen, ohne Gefahr zu laufen, mit einer Verhaftung – oder im schlimmsten Fall mit dem Tod durch den Strick – rechnen zu müssen.

Die beiden Kompagnons Haldnar und Iorel jedoch ließ diese Bedrohung kalt, sie hatten keine Angst vor den Stadtwachen. Sie kannten die Stadt und ganz besonders den Hafen wie ihre eigene Westentasche. Beide waren hier aufgewachsen und hatten über die Jahrhunderte eine gute Nase für spezielle Geschäfte entwickelt. Das war auch der Grund, warum sie in der glühend heißen Mittagshitze durch die Straßen zogen und eine ganz bestimmte Taverne ansteuerten.

Haldnar und Iorel waren Raukarii. Die Raukarii waren ein langlebiges Volk mit spitzen Ohren, brauner Haut, roten Haaren und bernsteinfarbenen Augen. Angehörige jenes Volkes waren in Zanthera als äußerst ausdauernd, agil, gerissen und vor allem als gefährliche und geschickte Krieger bekannt, was auf ihre streitsüchtige Vergangenheit zurückzuführen war. Sie sahen sich als das einzig wahre Volk, welches das Recht besaß, Zanthera für sich allein zu beanspruchen. Daher wunderte es keinen Raukarii, dass Leven’rauka – ihre Heimat – von Übergriffen der Menschen oder ihrer verhassten Feinde, den Iyana, verschont blieb. Allerdings dachte sowieso kein Bewohner der sehr weit südlich liegenden Handelsstadt an die Feinde im Norden.

„Bist du dir auch wirklich sicher? Ich will mich ja nicht beklagen, aber Llynmeh war schon immer geizig“, meckerte Iorel leise vor sich hin, während sie die Abkürzung durch eine Seitengasse nahmen, in der sie im Schatten der niedrigen Häuser beinahe unsichtbar wurden. Iorel war Haldnars Stellvertreter und Freund und machte keinen Hehl aus seiner wachsenden Skepsis. Sie befanden sich auf dem Weg zu einem Treffen mit einem Nekromanten. Diese kleine Gruppe Magier genoss zwar großes Ansehen unter den Schurken, war aber stets mit Vorsicht zu genießen. Nicht einmal die Aussicht auf eine gute Entlohnung half dieses Mal Iorels Zweifel auszuräumen.

Haldnar blieb stehen und sah seinen Freund, der einen Kopf kleiner war als er und dessen rotes Haar ungewaschen und lang über die Schultern fiel, scharf an. In der braunen Wildlederhose und dem beigefarbenen Baumwollhemd gab Iorel eine gute Figur ab. Sein Kurzschwert prangte am Gürtel, und einige Dolche hatte er in den Stiefeln versteckt, wie jeder, der ihn kannte, nur zu gut wusste. Iorel stand manchen Dingen gerne kritisch gegenüber, neigte jedoch im Gegensatz dazu, zu euphorisch zu sein. Die Freunde kannten sich schon ein Leben lang, hatten gemeinsam viel erlebt und vertrauten daher einander blind.

„Natürlich bin ich mir sicher, Volltrottel“, zischte Haldnar und lief augenblicklich weiter. „Llynmeh hat uns … oder eher mir … ein großes Ding versprochen, den Rest schaukle ich auf meine Weise.“ Damit war die Sache für ihn vorerst erledigt.

„Schon gut, hab’s ja nicht so gemeint“, gab Iorel klein bei, da er bei Haldnars Wutausbrüchen oft den Kürzeren zog, eilte ihm hinterher, schnaubte noch einmal beleidigt und beobachtete den anderen aus den Augenwinkeln.

Sein Freund bot mit den kurzen Haaren und dem stattlichen Körperbau ein beeindruckendes Bild. Er war geschickt im Umgang mit Waffen, besaß Köpfchen und hatte immer einen Plan in der Hinterhand. Im ledernen Waffengürtel um seine Hüfte steckte ein prächtiges Langschwert aus vielfach gehärtetem Stahl, verziert mit einem blauen Edelstein im Knauf. Es war Haldnars wertvollster Besitz, den er vor zwanzig Jahren einem tapferen Raukariikrieger bei einem brutalen Überfall vor den Toren der Stadt gestohlen hatte. Das war auch ein Grund, weshalb er es stets bei sich trug und selbst im Schlaf nicht ablegte.

Haldnar achtete nicht auf seinen Stellvertreter und marschierte unbeirrt weiter, diesmal einen Schritt schneller. Schon alleine sein Stolz ließ die Bemerkung nicht gelten, dass er sich in einem Geschäft geirrt haben könnte. Immerhin war er der Anführer der größten ansässigen Räuberbande Deir al-Bahris, und keiner seiner Schurken war bisher geschnappt worden. So sollte es auch künftig bleiben. Sie konnten zurzeit keinen Ärger gebrauchen, aber genau dieser war seit einigen Wochen ein ständiger Begleiter, was den Dieben noch den letzten Nerv raubte. Die Gruppenstärke der Stadtwache, die auf jeden Fingerzeig der Bewohner achtete und sofort zuschlug, war aus einem ihnen noch unbekannten Grund vergrößert worden. Das bedeutete für die Diebe, noch vorsichtiger vorgehen zu müssen als sie es ohnehin schon taten.

Der Nekromant, mit dem sie sich treffen wollten, war zwar ein guter Sozius, und die beiden Schurken trafen sich nicht zum ersten Mal mit ihm um Geschäfte abzuwickeln, aber Llynmeh war und blieb ein merkwürdiger Zeitgenosse, der keinerlei Späße verstand. Er gehörte dem geheimnisvollen Nekromantenzirkel der Stadt an. Dort wurden abnorme Dinge getan, von denen niemand etwas Genaueres wissen wollte. Aber dieser Geheimbund entlohnte außerordentlich gut für gestohlene Ware und nur das zählte letztendlich.

Die Hafenstadt Deir al-Bahri war nicht nur die erste Anlaufstelle für Banditen, sondern besaß auch die beste Magierschule des Landes. Raukarii aus weit entfernten Ecken von Leven’rauka kamen hierher, um Bannzauber, Beschwörungen, Illusionen, Verwandlungen oder ganz besondere Bereiche der Magie bis zur Perfektion zu studieren. Nur eine Form der Zauberkunst wurde nicht gefördert und vor allem nicht geduldet: Nekromantie, die Kunst Leben zu manipulieren, zu erschaffen und zu zerstören. Unablässig und mit aller Härte wurden jene Magier, die diesen dunklen Pfad betreten hatten, aufgespürt und bestraft, entweder mit lebenslanger Verbannung oder mit dem Tod. Jedoch gingen einige bei ihrer entarteten Kunst so geschickt vor, dass man ihnen kaum etwas nachweisen konnte. Genau diese Nekromanten hielten sich bevorzugt und in aller Heimlichkeit im Hafenviertel auf. Die hier vor Anker liegenden Koggen, Schoner und Dreimaster kamen vom Norden und von den Inseln im Süden Leven’raukas und brachten außergewöhnliche Dinge für spezielle Experimente oder den täglichen Gebrauch mit, hin und wieder sogar billige Sklaven, die zuweilen unerlässlich für ihre Arbeit waren.

Nach einigen Minuten Weg durch die Gassen saßen Haldnar und Iorel dem Nekromanten an einem kleinen Tisch in der hintersten Ecke der Taverne Zum Spielmannsfluch gegenüber. Trotz des Sonnenscheins draußen waren die Fenster verhängt und der Raum aufgeheizt durch das Küchenfeuer. Sie kauerten über drei Bechern billigen Weißweins, und Llynmeh berichtete leise, weswegen er die beiden hergebeten hatte.

„Die alte Hexe Myrvoda ist diesmal zu weit gegangen“, informierte sie Llynmeh. „Sie hat unserem Anführer einen kostbaren Gegenstand gestohlen und mit Vergeltung gedroht, wenn jemand aus unserem Zirkel dieses Objekt zurückholt. Doch hat sie nichts dazu gesagt, was passieren würde, wenn jemand anderes ihn ihr wieder unter der Nase wegstiehlt. Das bringt mich nun zu euch.“ In Llynmehs Stimme lag eine gewisse Anspannung. Die Kapuze seiner dunklen Robe hatte er tief ins Gesicht gezogen, sodass seine Verhandlungspartner das spöttische Lächeln nicht sahen.

Llynmeh war ein Raukarii mittleren Alters und für sein Volk von außergewöhnlich hoher Statur, größer noch als Haldnar. Er hatte lange dürre Finger und stets einen grimmigen Gesichtsausdruck, welcher ihm frühzeitig tiefe Falten um die Augen herum beschert hatte und seinen Blick noch jähzorniger erscheinen ließ. Nur wenige kannten sein wahres Gesicht, denn meistens starrten nur zwei arglistig funkelnde Augen aus dem Schatten seiner Kapuze sein Gegenüber an. Ein eigenartiger Geruch von Moschus und Weihrauch begleitete ihn ständig.

„Wenn ich das richtig verstehe, soll dieser Gegenstand zurückgeholt werden, und zwar von einem Raukarii, der kein Magier ist?“, hakte Haldnar nach.

„So ist es“, entgegnete Llynmeh kühl. „Myrvoda ist unserem Anführer schon länger ein Dorn im Auge, obwohl ihre Macht unserer weit unterlegen ist. Aber mit Hexenmeistern sollte man dennoch vorsichtig sein, wie uns der jüngste Vorfall gezeigt hat. Myrvoda ist verschlagen und kramt in Dingen herum, von denen sie besser die Finger lassen sollte. Und wie ich schon sagte, hat sie diesmal ihre Nase zu tief hineingesteckt.“

„Dafür muss aber einiges für mich und meine Jungs rausspringen“, gab der Bandenführer sofort zu verstehen und erhaschte in den Augenwinkeln ein bestätigendes Kopfnicken Iorels.

„Ihr besorgt mir das Artefakt und erhaltet vom Zirkel zwanzig Säcke Edelsteine. Keine Halbedelsteine, sondern die kostbaren. Das müsste als Belohnung genügen“, erklärte Llynmeh ohne Umschweife. „Außerdem könnt Ihr euch nehmen, was ihr bei der alten Hexe findet, solange ihr mir das Artefakt bringt.“

Was Haldnar und seine Männer dort finden würden, konnte ohnehin kaum von Belang für den Magier sein, und Edelsteine besaß der Nekromantenzirkel reichlich, nur der gestohlene Gegenstand musste dringend wiederbeschafft werden. Am Ende würde eine große Belohnung seines Meisters auf ihn warten und alleine das zählte.

„Die Bezahlung klingt vernünftig“, befand Haldnar, schaute dabei zu Iorel und erinnerte ihn mit einem Fußtritt unter dem Tisch an ihr vorangegangenes Gespräch. Sein Freund nickte und blickte anschließend beschämt in den Weinbecher. Die Entlohnung war mehr als ursprünglich angedacht und absolut ausreichend.

„Jetzt sagt mir aber zuerst, um was für ein Artefakt es sich handelt, bevor ich mich auf Euer Geschäft einlasse!“ Haldnar verspürte kein großes Verlangen danach sein eigenes Verderben heraufzubeschwören. Immerhin raubten er und seine Männer nicht jeden Tag eine Hexe aus, die den Gerüchten zufolge sehr viel Macht besaß.

„Es handelt sich um einen Ring, aber nicht irgendeinen x-beliebigen. Er besteht aus Silberarcharid, welches in den Minen des Brin-Krian Gebirges abgebaut wird“, erklärte Llynmeh und beobachtete den Bandenführer, der selbstverständlich nicht wusste, was daran so außerordentlich war. Um die Wichtigkeit des Ringes noch weiter hervorzuheben, fügte der Magier verschwörerisch hinzu: „Silberarcharid sieht aus wie Silber und ist doch härter als Stahl. Dieses Metall eignet sich gut für Beschwörungen aller Art und wird häufig für starke Magie benutzt. Unser Anführer hat dieses Schmuckstück mit einem Zauber belegt, der für uns Nekromanten sehr wertvoll ist. Zu erkennen ist er an den eingravierten Runen rundherum, und im Dunkeln leuchtet er leicht grünlich. Mein Führer will ihn wieder, koste es, was es wolle. Das heißt für euch, ihr steigt in Myrvodas Haus ein, findet das Artefakt und bringt es anschließend auf schnellstem Weg zu mir. Sind wir uns einig?“

„Die restliche Beute gehört mir?“, fragte Haldnar vorsichtshalber noch einmal nach.

„Ja“ Der Magier nickte und seine funkelnden Augen blitzten unter seiner Kapuze hervor.

„Dieses Ding scheint euch Nekromanten tatsächlich sehr wichtig zu sein. Mir sind die Edelsteine wichtig. Daher denke ich … wir sind uns einig. Maleas Hände sind begnadet für Diebstähle aller Art“, scherzte Haldnar und prostete Iorel zu, worauf beide ihre Becher in einem Zug leerten und der Nekromant sich ihnen anschloss.

„Wie geht es der hübschen jungen Dame eigentlich?“, erkundigte sich Llynmeh nach Malea. Heimlich hatte er ein Auge auf das viel jüngere Mädchen geworfen, das er schon einige Male mit Haldnar und seinen Männern angetroffen hatte.

„Sie ist groß geworden und ähnelt von Tag zu Tag immer mehr einer erwachsenen Frau, dabei ist sie erst zwanzig Jahre alt. Ihre Mutter scheint wohl einst eine attraktive Raukarii gewesen zu sein, und meine Naynre bringt Malea alles bei, was sie wissen muss.“

„Vielleicht ergibt sich ja bald eine günstige Gelegenheit sich mit ihr alleine und in meinem Schlafzimmer zu treffen“, sagte Llynmeh und sein Lachen klang dabei kalt und berechnend.

Iorel schluckte. Die anzüglichen Worte ließen ihn automatisch verkrampfen, denn er wusste, der Magier meinte es todernst.

„Ich glaube nicht …“, warf Iorel ein, brach jedoch abrupt ab, als Haldnar ihm einen heftigen Tritt gegen das Schienbein verpasste und böse anstierte.

„Meine Kleine wird sich bestimmt freuen“, meinte Haldnar und lächelte. Ob er mit diesem Angebot nur einen Scherz gemacht hatte oder sich doch gewisse Vorteile ausmalte, konnte keiner der anwesenden Raukarii in jenem Moment sagen. Aber eines wussten sie: Haldnar konnte genauso skrupellos und unberechenbar sein wie der Nekromant.

„Ich habe noch einen Rat für Euch“, meldete sich Llynmeh zu Wort und kam zurück zu ihrem Geschäft. „Schlagt in drei Tagen zu. Dann ist Neumond. Kein verräterisches Mondlicht wird Euch bei eurem Auftrag behindern.“

„Ich werde es mir merken“, bestätigte Haldnar und bestellte mit einem Wink bei einem Schankmädchen nochmals drei Becher des billigen Weins. „Die Rechnung geht auf mich, denn wir sollten feiern. Und vielleicht können wir uns ja im Bezug auf Malea einigen.“

Die Antwort des Nekromanten bestand in einem versöhnlichen Grinsen und anzüglichen Gedanken, während Iorel unter dem Tisch die Hände zu Fäusten ballte.

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