Leseproben

  • Leseprobe aus „Burning Wings (1) – Das Erwachen“
  • Leseprobe aus „Burning Wings (2) – Die Mächte“
  • Leseprobe aus „Ynsanter (1) – Pfade des Feuers“
  • Leseprobe aus „Ynsanter (2) – Pfade des Feuers“
  • Leseprobe aus „Sträflingskarneval“

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Teil 1 der Engels-Saga „Burning Wings“

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Ich konnte es riechen. Der Duft war süßlich und stieg mir unaufhörlich in die Nase. Er besaß eine unvergleichlich orientalische Note. Sie verlieh mir das seltsame Gefühl, mich darin zu verlieren, zu baden und mich zu wärmen.

Jasmin! Es roch nach Jasmin!, schoss es mir durch den Kopf.

Neugierig öffnete ich die Augen einen Spalt breit und blinzelte gegen ein grelles Licht an. Es schien mir direkt ins Gesicht und blendete mich. Schnell schloss ich sie. Einen Moment später versuchte ich es erneut und gewöhnte mich schnell an die ungewohnte Helligkeit. Der helle Schein entpuppte sich als eine weißlich glühende Kugel, die über meinem Kopf schwebte. Und plötzlich war sie gar nicht mehr so gleißend. Sie sandte ein angenehm warmes Licht aus.

Verwundert drehte ich den Kopf zur Seite und fand mich in einem großen Saal wieder, vollgestellt mit Betten, soweit das Auge reichte. Verwirrt richtete ich mich auf. Die Kugel über mir wich im selben Moment nach oben aus und begann auf einmal bläulich zu flimmern. Auf bizarre Art und Weise erinnerte mich dieses Ding an eine Diskokugel. Fasziniert starrte ich sie an. Schließlich zwang ich mich dazu, meinen Blick abzuwenden, und musterte die Umgebung eingehender.

Vor mir. Hinter mir. Neben mir. Überall um mich herum standen Betten. In einigen lagen Menschen, die offenbar schliefen. Über ihren Köpfen schwebten ebenfalls solche glühend weißen Lichtkugeln. Dieser Anblick war fremdartig, Angst einflößend und unheimlich.

»Wo bin ich?«, flüsterte ich.

Ich konnte mich an nichts erinnern. Weder, wie ich hierhergekommen war, noch, wo dieses Hier sein sollte. Nicht einmal mein eigener Name fiel mir ein. Es war, als wären er und alles, was ich war, mit dem Öffnen meiner Augen verschwunden. Leergefegt. Vergessen.

Die Angst kroch mir in die Glieder. Mein Körper zitterte. Ich wusste nicht, wo ich war, wer ich war, und dieser riesige Saal mit den unendlich vielen Betten trug keineswegs zu meiner Beruhigung bei. Aus den Augenwinkeln nahm ich wieder das bläuliche Flimmern über mir wahr. Die Kugel pulsierte. Sie schien sich dem immer schneller werdenden Rhythmus meines Herzens anzupassen. Es klopfte mir bis zum Hals.

Panisch sprang ich aus dem Bett. Doch ich kam nicht einmal einen Schritt weit, als ich plötzlich von dichtem Nebel umgeben war, der einfach aus dem Nichts auftauchte. Alles um mich herum war verschwunden, genauso wie mein Gedächtnis. Schließlich begann mein linker Arm zu brennen, erst leicht, dann immer heftiger. Es folgte mein rechter Arm, und allmählich wurde es unangenehm. Es fühlte sich an, als hätte jemand kochendes Wasser über meine Haut geschüttet. Das Brennen breitete sich innerhalb eines Augenblicks über meinen gesamten Körper aus, innerlich und äußerlich. Ich glaubte in Flammen zu stehen, nur dass ich nirgendwo Feuer sah. Wütende Lavaströme flossen durch meine Adern, sie versengten alles, was sie berührten. Solche höllische Schmerzen hatte ich bisher nicht gekannt.

Mein Körper zuckte unkontrolliert, und mir entfuhr ein Schrei nach dem anderen. Wenn das ein Scherz sein sollte, dann war er definitiv nicht lustig. Und falls ich träumte, war das der schrecklichste Albtraum meines Lebens.

»AUFHÖREN! AUFHÖREN!«, schrie ich verzweifelt und wunderte mich, dass meine Stimmbänder überhaupt noch einen Ton erzeugten. Sie hätten schon längst verbrannt sein müssen, genauso wie mein ganzer Körper.

»Aufhö …«, kam ein weiterer Schrei aus meiner Kehle, der so abrupt endete wie die quälenden Schmerzen.

Erschrocken fuhr ich zusammen, verlor mein Gleichgewicht und stolperte. Mit den Knien landete ich hart auf einem kalten Steinboden und keuchte auf. Den darauf folgenden Schmerz schluckte ich herunter, ebenso wie den nächsten Schrei. Ich musste träumen. Oder hatte ich vielleicht den Verstand verloren?

Der Nebel war verschwunden, so schnell, wie er aufgetaucht war. Von dem Saal und den Betten gab es weit und breit keine Spur mehr. Stattdessen brannten Fackeln an dunklen Wänden. Wo auch immer ich war, ich befand mich in einem quadratischen Raum, höchstens drei Meter lang und breit. Eine Tür konnte ich nirgendwo entdecken. Ich war gefangen.

»Hey, wer auch immer hier verantwortlich ist … LASS.MICH.RAUS!«

Wie von einer Tarantel gestochen rannte ich los, von einer Ecke in die nächste, und hämmerte mit den Fäusten gegen die Steinwände. Ohne Erfolg. Die Wände waren unnachgiebig, und ich besaß keine Superkräfte, um den Stein zu Staub zu zermalmen. Dennoch konnte ich nicht aufhören. Ich wollte hier raus. Dabei versuchte ich, einen klaren Kopf zu behalten und nicht wieder in Panik zu geraten. Was bei meiner letzten Panikattacke passiert war, hatte ich noch gut in Erinnerung. Diesen Schmerz würde ich so schnell nicht wieder vergessen. Fast meinte ich, wieder dieses unsägliche Feuer spüren zu können. Es kroch aus dem hintersten Winkel meines Unterbewusstseins. Aus einem Impuls heraus bereitete ich mich darauf vor, aber diesmal blieb er aus. Umso erstaunter starrte ich an die gegenüberliegende Wand. Dort, gut sichtbar, erschien eine Eisentür, die mit Schwung aufgestoßen wurde.

Ich war sofort auf der Hut. Meine Muskeln spannten sich an. Ich war bereit, jeden, der über die Türschwelle treten würde, zu überwältigen. Dass ich keine Waffe besaß, war unwichtig. Ich war von einer Sekunde zur nächsten so wütend, dass ich mit den bloßen Fäusten zuschlagen wollte.

Die Hände geballt, sodass schon meine Fingerknöchel weiß hervorstachen, wartete ich, bis die quietschende Tür mir den Blick freigab. Doch es kam zu keinem Angriff.

Ich hatte mit allem Möglichen gerechnet. Mit einem muskelbepackten Soldaten und geladener Maschinenpistole, mit einem Polizisten mit Schlagstock und Handschellen, mit einem Wahnsinnigen, der mit einer Axt auf mich zustürmen würde, und sogar mit einem vermummten Terroristen, der mich in einer fremden Sprache anschrie, bevor er auf mich einprügelte. Aber was ich sah, stellte meine wildesten Phantasien in den Schatten. Meine Wut verrauchte und wurde durch eine mächtige Portion Verwirrung ersetzt.

An der Türschwelle stand ein junger Mann. Er trug eine schwarze Hose und ein schwarzes Hemd, das nicht ganz bis zum Hals zugeknüpft war. Darunter lugte leicht gebräunte Haut hervor. Irritiert musterte ich ihn von Kopf bis Fuß. Der Mann hatte keine Schuhe, was bei dem Anblick, den er bot, ein wenig seltsam anmutete. Denn über seiner Kleidung trug er zusätzlich eine dunkelblaue Samtrobe mit silberner Brokatstickerei an den Säumen. Er war schlank, dennoch zeichneten sich ausgeprägte Muskelpartien unter seiner Kleidung ab. Doch das alles rückte in den Hintergrund, denn so etwas hatte ich in meinem bisherigen Leben noch nie gesehen.

Schulterlanges, helles Haar umrahmte ein junges, zartes Gesicht. Seine smaragdfarbenen Augen glitzerten im Fackellicht, während er mich mit unverhohlener Neugier anstarrte. Er stand einfach da, ohne Waffe, ohne Handschellen, ohne irgendetwas in den Händen zu halten. Und dieser Mann war atemberaubend schön. Die schlichte Kleidung unterstrich seine von Natur aus gegebene Schönheit nur noch. Und er trug ein Tattoo. Eine sich windende, schwarze Schlange, umgeben von Flammen, schlängelte sich seinen Hals herauf. Ich konnte nur erahnen, dass das Motiv unter seinem Hemd noch weit größere Ausmaße annahm. Sein Anblick raubte mir schier die Sprache. Obwohl ich kein sexuelles Verlangen nach dem männlichen Geschlecht hegte, wäre dieser Mann eine Sünde wert gewesen. Nicht einmal das attraktivste Männermodel in den Hochglanzmagazinen reichte an seine unbeschreibliche Anmut heran. Einfach und doch außergewöhnlich.

Überrascht über mich selbst machte ich einen zögerlichen Schritt auf ihn zu.

»Ich begrüße dich, Damian«, sprach er und lächelte. Sein Lächeln und auch sein sanfter Tonfall waren freundlich und aufrichtig. Alles an ihm erweckte den Anschein, perfekt zu sein.

Nun war das Überraschungsmoment vergangen. Obgleich mein Gegenüber keine Gefahr ausstrahlte, kehrte mein angestauter Ärger mit geballter Ladung zurück.

»Wer oder was ist Damian?«

„Dein Name lautet Damian«, sagte er immer noch lächelnd.

»Ah … schön zu wissen«, antwortete ich, und meine nächsten Worte trieften vor purem Sarkasmus. »Schön zu wissen, wie man heißt, wenn man schon nicht weiß, wo man gefangen gehalten wird. Vielleicht hättest du die Güte, mich aufzuklären. Denn es ist ja unglaublich spaßig, aufzuwachen und nicht zu wissen, wer man ist. Und wer kam auf die glorreiche Idee, mich wie ein Feuerzeug anzuzünden? Das war nicht witzig! Und wieso stehe ich jetzt in diesem Raum …«

Mitten im Satz brach ich ab. Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich überhaupt keine Kleidung trug. Ich stand diesem perfekten Mann gegenüber und war nackt. Augenblicklich schoss mir die Röte ins Gesicht, und am liebsten hätte ich mich in Grund und Boden geschämt. Hastig bedeckte ich meine Blöße und starrte ihn giftig an.

»Schau nicht so dämlich aus der Wäsche«, fuhr ich fort. »Dir gefällt es wohl, dass ich nackt bin, was? Wie wäre es mit einer Hose und einem Hemd? Mach mal, sonst werde ich ziemlich stinkig.«

»Entschuldige bitte«, sagte er höflich und zeigte keine Anzeichen, ob er aufgrund meiner Worte sauer war oder nicht. Stattdessen hob er die linke Hand und bedeutete mir, aus dem Raum zu treten. Er selbst trat zur Seite und gab den Weg frei.

»Und was ist mit Kleidung?«

Der Gedanke, im Adamskostüm vor die Tür zu gehen, behagte mir nicht. Andererseits wollte ich unbedingt diesen seltsamen, düsteren Raum verlassen. Womöglich verschwand der Mann gleich wieder und mit ihm der Ausgang. Dann würde ich erneut festsitzen. Nicht mit mir.

»Du wirst Kleidung erhalten, Damian. Bitte folge mir. Du musst dich nicht fürchten.«

Furcht war das falsche Wort, dachte ich. Ich war vielmehr sauer und gereizt, aber auch neugierig. Langsam näherte ich mich der Türschwelle. Doch bevor ich mich in den schmalen Gang traute, wo nun der junge Mann auf mich wartete, blickte ich vorsichtig nach links und rechts. Erst als ich mir sicher war, dass mich niemand so sehen würde, nickte ich und folgte ihm hinaus.

Der Gang war hell erleuchtet, auch wenn ich die Lichtquelle nicht ausmachen konnte. Er stellte das totale Gegenteil des Raumes dar, wobei ich immer noch nicht wusste, wie ich dort hineinkommen war. Der Boden, die Wände, sogar die Decke bestanden aus weißem Marmor. Während ich mit dem jungen Mann Schritt hielt, kamen wir an weiteren Eisentüren vorbei, alle geschlossen. Ich vermutete, dass sich dahinter weitere Räume verbargen, in denen noch mehr Menschen gefangen gehalten wurden.

Ich wollte schon fragen, ob sich mein Verdacht als richtig erwies, beschloss aber, es vorerst nicht zu tun. Zuerst brauchte ich Kleidung. Angiften konnte ich ihn später immer noch. So wartete ich ab und ließ mich führen.

Schließlich machte der Gang einen Bogen, und plötzlich standen wir vor einer goldenen Tür. Falls dies tatsächlich ein Gefängnis war, dann ein sehr luxuriöses, dachte ich, und konnte kaum abwarten zu erfahren, was sich dahinter befand.

Der junge Mann berührte die Tür mit der Hand, und sie öffnete sich von ganz alleine. Da bemerkte ich, dass sie überhaupt keinen Knauf besaß.

Wo, in drei Teufels Namen, bin ich nur gelandet?

Wie ein verschrecktes Kind, das nicht begriff, was um es herum geschah, folgte ich ihm in einen großen Saal. Die Überraschungen endeten heute wohl nie. Genauso wie der Gang war auch hier alles von weißem Marmor und von Licht durchflutet, das mich aber nicht blendete. Auch dieses Mal konnte ich weder Lampen, Fackeln, Kerzen oder eine andere Lichtquelle ausmachen. Es war einfach hell. Es gab auch keine Fenster. Stattdessen erhob sich mitten im Saal ein kleines, rundes Podest, unmittelbar dahinter stand ein riesiger Lehnstuhl aus Gold. Er sah aus wie ein Thron. Und auf diesem saß ein Mann.

Träume ich oder bin ich wach? Spielt das eigentlich eine Rolle?

Alles wirkte auf surreale Art und Weise wie ein Traum, gleichzeitig begriff ich allmählich, dass um mich herum Wirklichkeit herrschte. War es denn nicht so, wenn man glaubte, man träumte, dann war man sich bewusst, dass es nicht so war, sonst könnte man sich diese Frage nicht stellen. In einem Traum wirkte alles real. Man glaubte, dass es so sein müsste. Man hinterfragte nicht, was geschah, sondern nahm es als das an, was der Verstand einem vorgaukelte. Menschen tauchten auf und verschwanden, Gebäude erschienen und verwandelten sich. Und bei allem war man sich sicher, nicht zu träumen.

Diese schlichte Denkweise versetzte meinem Frust einen herben Dämpfer.

Da ich nun überzeugt war, nicht zu träumen, nahm ich zum ersten Mal den Mann auf dem Thron wirklich wahr. Ich erschrak. Die Gestalt war der leibhaftige Inbegriff eines Engels. Und dieser Engel strahlte die reinste Form von Perfektion eines männlichen Wesens aus, von dem ich wusste. Aber nicht einmal diese Bezeichnung reichte annähernd an das heran, was der Engel vor mir symbolisierte. ‚Unbeschreiblich schön‘ war in seiner Gegenwart fast schon eine Beleidigung.

Lange, schwarze Haare fielen auf schmale und doch starke Schultern. Er trug eine bordeauxrote Samtrobe und schwarze Lederstiefel. Aus seinem Rücken lugten eindeutig und unverkennbar zwei weiße Flügel hervor. Aber als mein Blick seine Augen traf, schmolz die Faszination dahin wie Eis unter der Saharasonne. Zwei dunkle Augen fixierten mich und schienen mich zu verhöhnen.

Tief getroffen zuckte ich zusammen und begann mich plötzlich sehr unwohl in meiner Haut zu fühlen. Am liebsten hätte ich mich auf dem Boden zusammengerollt und wie ein Baby geweint. Ich wusste nicht wieso, aber ich tat es nicht. Ich versuchte, seinem Starren standhaft entgegenzutreten.

»Damian«, sagte der Engel. Seine Stimme löste bei mir das Gefühl von Ehrfurcht, Angst und eine ungeheure Autorität aus, der man sich nicht einfach widersetzte.

Aus den Augenwinkeln nahm ich den jungen Mann wahr und war froh, dass auch er unter der Stimme zu schrumpfen schien.

»Damian«, wiederholte der Engel.

Sofort konzentrierte ich mich wieder ganz auf ihn, denn ich fürchtete, er würde kein Fehlverhalten dulden.

»Tritt vor, damit ich dein Urteil verkünden kann.«

Ich schluckte. Ich zitterte. Langsam lief ich auf das Podest zu und versuchte, an gar nichts zu denken. Mir war sogar egal, dass ich noch immer nackt war.

»Damian, du hast dich des Vergehens schuldig gemacht und Selbstmord begangen. Deine Seele wurde geprüft und gereinigt. Doch du bist nicht bereit, dir deine Schuld einzugestehen. Aus diesem Grund verurteile ich dich zu ewiger Arbeit in Agnon. Dein Leben liegt hinter dir. Dein neues Leben beginnt nun.«

Noch bevor das letzte Wort verklungen war, war ich von einem gleißendem Licht umgeben. Rasch kniff ich die Augen zusammen, denn es tat mir unglaublich weh. Im selben Moment glaubte ich zu fallen. Ich schrie aus Leibeskräften.

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Teil 2 der Engels-Saga „Burning Wings“

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Im Türrahmen stand Eljakim und lächelte mich auf seine faszinierende Art an. Ich dagegen riss erstaunt die Augen auf. Hätte ich nicht schon gesessen, wäre ich vermutlich ungebremst auf den Hintern geplumpst. Seine Überraschungen nahmen wohl niemals ein Ende. Und jede weitere übertraf die vorangegangene.

»Was hast du getan?«, flüsterte ich und blinzelte mehrmals. Vielleicht spielten mir meine Augen nur einen Streich.

Eljakims blonde Haare waren kürzer und sein hübsches Gesicht mit einer Schicht Ruß verschmiert. Einzig die smaragdfarbenen Augen leuchten so hell wie die Sonne. Gestern hatte ich ihn in seiner edlen Kleidung für einen Prinzen gehalten, heute sah er aus wie ein gewöhnlicher Kohlearbeiter. Er trug verdreckte, braune Baumwollhosen, einfache Schuhe und eine legere, beigefarbene und ärmellose Baumwollweste. Die Weste war nicht zugeknöpft und gestattete mir einen neugierigen Blick auf sein atemberaubendes Tattoo. Und es war schlichtweg ein einmaliges und verführerisches Kunstwerk.

Vom Hals abwärts schlängelte sich eine schwarze Schlange seinen Oberarm hinab, wo sie auf seine Brust überging. Dort wand sie sich um ein schwarzes Schwert, welches sich mit einem zweiten kreuzte. An der Stelle, wo sich beide Klingen trafen, hatte der Künstler auf eine faszinierende Weise eine brennende Flamme eintätowiert, die auf den ersten Blick echt wirkte, genau wie die Schlange und die Schwerter. Damit endete aber das Körpergebilde nicht. Von der Flamme tropften über den Bauch kleine Blutstropfen nach unten, wo sie auf einen Kristall trafen, der hell erstrahlte. Allerdings konnte ich dieses letzte Detail mehr erahnen als sehen, denn es verschwand unter dem Hosenbund. Um nicht auf seine Körpermitte zu starren und mir pikante Gedanken zu machen, wanderte mein Blick wieder nach oben zu seinem perfekten Oberkörper. Der leicht bräunliche Touch seiner Haut, die ausgeprägten Bauchmuskeln und die durchtrainierten Oberarme erinnerten mich sofort an einen Schwertkämpfer. Es fehlte nur die passende Waffe in seiner Hand.

So einen Körper würde ich auch gerne besitzen. Aber dafür muss ich sicherlich 100 Jahre oder mehr trainieren.

Seufzend holte ich Luft und stieß sie mit einem leisen Pfiff aus.

Verdammt, was machst du da? Du bist sauer auf ihn!, ermahnte ich mich und zwang mich in sein Gesicht zu schauen. Du gaffst ihn an, als würdest du ihn anmachen wollen!

Überrascht über mein eigenes Verhalten, kniff ich mir in den Oberschenkel und ermahnte mich, damit aufzuhören. Ehrlich gesagt verstand ich selbst kaum, wieso ich immerzu so merkwürdig auf Eljakim reagierte. In einem Moment war er für mich wie ein Freund, im nächsten schämte ich mich für meine Gedanken, die eindeutig mit seiner körperlichen Anziehung zusammenhingen. Sekunden später verfluchte ich ihn und hätte ihm am liebsten die Nase gebrochen, weil ich ahnte, dass er mir wieder etwas verschwieg oder die Wahrheit nach seinem Gutdünken verdrehte, um es mir angeblich leichter zu machen. Irgendetwas stimmte nicht mit mir oder lag es an Eljakim? Es war zum Haare raufen. Nur in einem Punkt war ich mir sicher: Sobald ich in der Nähe von Eljakim war, spielten meine Gefühle verrückt, auf die ein oder andere Weise. Wut und wachsende Faszination wechselten sich binnen weniger Momente ab und vollführten einen Spießrutenlauf, den ich selbst nicht begriff.

»Kannst du mir sagen, was du gemacht hast?« Ich strengte mich an meine Verwirrung verärgert klingen zu lassen. Dabei schlug ich die Bettdecke zur Seite und stand auf. »Willst du dich mit deinem bäuerlichen Kleidungsstil aus Sympathie jetzt meinem anpassen? Oder einfach nur Bettler spielen?« Zur Unterstreichung, dass ich ihn nicht mit einer Ausrede davon kommen lassen würde … heute nicht … verschränkte ich demonstrativ die Arme vor der Brust und funkelte ihn finster an. Außerdem schuldest du mir ein paar verdammt gute Antworten, fügte ich gedanklich hinzu.

Eljakim lächelte immer noch und kam auf mich zu. Einen Meter vor mir blieb er stehen und sah mir direkt in die Augen. Ich gab es nicht gerne zu, vor allem mir selbst gegenüber nicht, aber in diesen Augen konnte man sich verlieren. Sie strahlten eine so ungewöhnliche Reinheit und Kraft aus, dass es mir kalt über den Rücken lief.

»Es tut mir wirklich leid, Damian. Ich hatte nie vor, dich anzulügen. Obwohl ich genauer gesagt gar nicht gelogen habe.«

»Nein, natürlich nicht. Du hast nur die Wahrheit beschönigt.« Mein Ton war giftig.

»Damian. Bitte. Können wir nicht einfach von vorne anfangen?« Er klang flehend, aber auch aufrichtig. So ehrlich wie sein unschuldiger Blick.

Eigentlich hatte ich keine Lust auf eine weitere Diskussion und hätte beinahe »Ja« gesagt. Aber so einfach wollte ich es ihm dann doch nicht machen. Und ganz bestimmt nicht heute. Heute war der Tag der Wahrheit, das hatte ich mir geschworen. Und wenn ich ihn durch meine Sturheit und unkooperatives Verhalten dazu zwingen musste. Ich würde dieses Zimmer erst mit den richtigen Antworten verlassen.

»Einfach neu anfangen? Alles vergeben und vergessen? Das ist genauso ein blöder Spruch wie »Schatz, es ist nicht so, wie es aussieht.« Und nur Feiglinge entschuldigen sich. Ich erinnere dich gerne daran, dass du mir gestern auf dem Weg nach Ephis sagtest, ich sollte dir vertrauen. Ich frage dich, wie soll ich das machen?«

Eljakim seufzte. Sein Lächeln verwandelte sich in eine erste Miene. »Dann hör mich an. Ich erzähle dir, warum ich so gehandelt habe. Und ich erkläre dir, warum ich dich in den Palast brachte. Es war nicht richtig von mir, das sehe ich ein, aber ich wollte zuerst Sicherheit, bevor ich …«

»Sicherheit?«, unterbrach ich ihn schroff und bereute es augenblicklich.

Er ließ die Schultern hängen und wirkte geknickt. Damit stand für mich außer Frage, dass er tatsächlich nicht stolz auf sein Handeln war.

»Weißt du was«, lenkte ich versöhnlich ein, »du fängst einfach an zu erzählen. Wenn ich etwas nicht verstehe, frage ich nach. Und nun will ich endlich diese verdammten Antworten.« Ich zwinkerte ihm zu, aber meine Arme blieben verschränkt.

Eljakim schien sich sofort besser zu fühlen. Er nickte und deutete zum Bett, auf das ich mich setzten sollte. Er selbst lief zum Fenster und sah hinaus. Ich folgte seiner Aufforderung und beobachtete ihn neugierig. Die Sonnenstrahlen beleuchteten sein Profil und hüllten ihn sanft in eine Wolke herumwirbelnder Staubkörnchen ein, die erst durch die Sonne sichtbar wurden. Dieser Anblick verlieh ihm eine noch anziehendere Aura.

»Egal ob du sie annimmst oder nicht, ich entschuldige mich trotzdem«, fing Eljakim an. Seine Augen blickten nach draußen zu dem großflächig angelegten Schlosspark. »Ich muss dir vieles erklären und weiß einfach nicht, wo und wie ich anfangen soll. Meinen richtigen Namen kennst du ja bereits. Und bis vor zwei Jahren war ich ein Erzengel. Inzwischen akzeptiere ich meine Strafe und habe mich in die Rolle des Sklaven gefügt.«

Es entstand eine Pause. Ich gab es ungern zu, aber Eljakim tat mir leid. Hätte ich es gekonnt, hätte ich die Zeit am liebsten zurückgedreht und ihn nie angeschrien, sondern versucht, meine Gefühle zu beherrschen. Aber genau darin bestand mein eigentliches Problem. Ich verlor sehr schnell die Beherrschung, gewollt oder ungewollt.

»Dann fang von vorne an. Erzähl mir, wieso du mich nach Ephis gebracht hast«, versuchte ich ihm auf die Sprünge zu helfen, sanfter, als beabsichtigt. »Außerdem würde ich gerne erfahren, was ich hier arbeiten soll.«

Eljakim schluckte merklich, schaute mich einen flüchtigen Moment an, um gleich wieder aus dem Fenster zu sehen.

»In Ordnung. Ich bin gar nicht dein Wächter«, sagte er hastig. »Du darfst keinem davon erzählen. Bitte, unterbrich mich nicht, sonst kann ich es wahrscheinlich nicht mehr wiederholen. Hör mir einfach nur zu.« Dafür tat er es, während ich ihn mit offenem Mund anstarrte. »Ja, du hast richtig gehört. Ich wurde dir niemals als Wächter zugeteilt. Und es war auch niemals meine Aufgabe, dich nach Ephis zu bringen. Es war ganz alleine meine Entscheidung. Doch um dich hierher zu bringen, brauchte ich Hilfe. Er hat dich nach Ephis und in den Palast eingeladen. Du bist ihm schon einmal begegnet, Damian. Aber du musst mir schwören, niemand darf davon erfahren. Wenn das …«

»Moment! Halt! Stopp!«, unterbrach ich seine plötzliche Redseligkeit. »Willst du mir etwa sagen, du hast mich entführt?«

Der erste Schock war einer Mischung aus Unglauben, Ärger und einer unersättlichen Ungeduld gewichen. Noch wusste ich nicht, sollte ich toben oder ihn aus Neugier ausquetschen. Mein Puls raste, ich zitterte und meine Kehle wurde trocken. Und vor allem war ich froh zu sitzen, denn ich spürte meine Knie weich werden.

»Wenn dir der Gedanke entführt worden zu sein besser gefällt, als dass ich versuche dich vor jemanden zu verstecken, ja dann, dann habe ich dich entführt.« Eljakims Kopf ruckte in meine Richtung. Sein Gesicht zeigte den Hauch von Traurigkeit, aber auch einen Funken Stolz konnte ich in seinen glänzenden Augen erkennen.

»Verstecken? Vor wem? Mich kennt doch niemand.«

»Das denkst du. Nur so einfach ist das nicht.«

Konsterniert gab mein Unterkiefer der Schwerkraft nach. Das wurde ja immer besser. Schließlich rutschte ich nervös auf dem Bett hin und her.

»Dann sag mir auf der Stelle, was hier gespielt wird, sonst erlebst du mich, wenn ich richtig sauer werde. Und ich warne dich … keine Lügen

Eljakim nickte ergeben und lehnte sich gegen den Fensterrahmen. Die Arme verschränkte er lässig vor der Brust. Dann grinste er mich frech an.

»Jetzt hörst du dich ganz genauso an wie er.«

» Ich warte«, befahl ich ihm und tippte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden. Wen er mit »Er« meinte ignorierte ich.

»Schon gut. Keine Lügen. Versprochen.« Eljakim kam auf mich zu und setzte sich neben mich auf die Matratze. Er betrachtete seine Finger, die er sichtlich nervös knetete. Schließlich sprach er weiter. »Wie du inzwischen weißt, bist du ein Selbstmörder«, fing er an und senkte dabei seine Stimme. Gespannt erwartete ich den nächsten Schock. »Du bist aber nicht freiwillig in den Tod gegangen. Dich hat jemand dazu gebracht es zu tun, und genau damit hat mein Plan begonnen. Du musstest es tun, damit ich dich aus dem Kreislauf der Wiedergeburt befreien konnte. Oriphiel half mir dabei. Danach mussten wir zuerst ganz sicher sein, dass du es auch wirklich bist. Erst als Oriphiel in deine Seele blickte, konnte er sagen, ob es funktioniert hat. Dort sah er dein wahres Ich. Wäre es nach ihm gegangen, wärst du in Agnon geblieben. Aber ich war von Anfang an dagegen. Also habe ich dich hierher gebracht. Das Risiko war und ist sehr hoch, dass dich irgendwann eine Wache in Agnon bemerkt und vielleicht noch mehr herausgefunden hätte. Das konnte ich nicht zulassen. Deshalb bin ich zu dir gekommen und habe dich nach Ephis gebracht … besser gesagt in den Palast … der einzige Ort, wo er dich niemals vermuten würde. Und das ist der Grund, warum ich dir nicht die Wahrheit sagte und warum du jetzt bei mir bist.«

Allmählich begann ich seine Überraschungen zu hassen. Ehrlich gesagt wollte ich sie gar nicht mehr hören. Eine übertrumpfte die andere. Aber nun hatte er die sprichwörtliche Bombe zum Explodieren gebracht. Und gleichzeitig verstand ich gar nichts mehr.

Wer war Er?

Wer war Ich?

Wer suchte mich?

Wer hatte mich zum Selbstmord getrieben?

Fragen über Fragen überschlugen sich in meinem Kopf. Dann fiel mir plötzlich das belauschte Gespräch von gestern ein.

»Uriel, er ist hier. Dieses Mal bin ich mir ganz sicher … Keiner weiß irgendwas oder ahnt auch nur etwas. Ich habe ihn versteckt, wo ihn keiner vermutet.« Eljakim warganz euphorisch gewesen.

»Sag mir, mein Freund: Woher willst du wissen, dass er es ist? Du kennst den Fluch und auch seine Auswirkungen. Zwei Jahre sind eine verdammt lange Zeit, beinahe eine Ewigkeit«, antwortete Uriel.

Hatten die beiden in jenem Moment von mir gesprochen?

Je mehr ich über die Worte nachdachte, desto mehr ergaben sie auf erschreckende Weise Sinn. Aber Eljakim wusste nicht, dass ich gelauscht hatte.

»Ich weiß es längst«, meinte er, obwohl ich nichts laut ausgesprochen hatte, und sah mir daraufhin direkt in die Augen. »Ich bin dir deswegen nicht böse.« Dann zwinkerte er mir zu.

Meine Miene war ein einziges großes Fragezeichen. Wieder hatte er es geschafft, ich war völlig konsterniert.

»Damian, ich habe dir noch etwas verschwiegen«, fuhr er fort, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Sein schlechtes Gewissen schien sich damit gleichzeitig in Luft aufzulösen. Er schien wieder der Eljakim zu sein, den ich kennengelernt hatte. Fröhlich und ohne Makel. »Kannst du dich noch erinnern, als ich dir sagte, wir Engel sind in verschiedene Positionen eingeteilt? Es ist unsere Bestimmung, unser Schicksal. Manche von uns, aber nicht alle, besitzen darüber hinaus noch besondere Fähigkeiten. Die Erzengel … und ich bin trotz Aberkennung meines Titels immer noch ein Erzengel … besitze solch eine Fähigkeit. Ich kann Gedanken lesen.«

Ich kann Gedanken lesen, wiederholte ich stumm. Er kann Gedanken lesen. Na, wie praktisch. Dann weiß er immer, was ich …

»WAS?«, platzte es aus mir heraus, als mein Gehirn die ganze Tragweite seiner letzten Offenbarung verarbeitet hatte. »Du weißt, was ich denke? Du kannst meine Gedanken lesen? Du hast die ganze Zeit über gewusst, was ich denke? Du … du … das ist ein … Scherz. Stimmt’s?«

Plötzlich schämte ich mich. Er wusste was ich dachte, was ich über ihn dachte. Schlimmer hätte es nicht kommen können. Diese Neuigkeit stellte sogar seine bisherigen Lügen weit in den Schatten. Mein Gesicht lief puterrot an. Panisch schaute ich mich im Schlafzimmer um und suchte verzweifelt das tiefste Loch, in das ich mich verkriechen konnte.

»Beruhige dich, Damian«, hörte ich ihn wie aus weiter Ferne. »Ich kann meine Fähigkeit kontrollieren. Ich setze sie nur gezielt ein. Außerdem muss ich mich sehr stark konzentrieren, wenn ich die Gedanken von jemandem lesen möchte. Und das funktioniert auch nur, wenn ich mich in der unmittelbaren Nähe dieser Person befinde. Solange die Person mich abschirmt, kann ich gar nichts tun.«

Ich schluckte einen größer werdenden Kloß herunter. »Das soll mich beruhigen?«, krächzte ich und versuchte meine Stimme und meine Contenance wiederzugewinnen. Ersteres war nach einem Räuspern erfolgreich, Zweiteres scheiterte kläglich an meiner wachsenden Angst. Angst, er würde meine Gedanken und Gefühle kennen, bevor ich sie überhaupt wahrnahm. Und Angst davor, dass er von mir mehr wusste, als ich von ihm. »Du weißt doch längst alles«, giftete ich ihn an und sprang vom Bett.

Zur Antwort lachte er fröhlich. »Du brauchst dich nicht zu fürchten. Ich wende meine Fähigkeit nur an, wenn ich glaube, mein Gegenüber lügt mich an. Oder wenn ich mir erhoffe, jemandem damit weiterzuhelfen.«

»Helfen?« Meine Augen verengten sich zu Schlitzen. Ich ballte die Hände zu Fäusten. Gleichzeitig versuchte ich ihm nicht zu nahe zu kommen. »Du hast einen schlechten Humor. An der Pointe musst du unbedingt arbeiten. Warum hast du mir das nicht schon viel früher gesagt? Es ist schon ein heftiger Brocken, den du mir da hinwirfst. Aus heiterem Himmel erfahre ich einfach so, dass du in meine intimste Intimsphäre eindringen kannst. Und jetzt machst du dich über mich lustig. Ich bin für dich doch nur ein kleiner Idiot, der dir wie ein Fisch ins Netz gegangen ist.«

»Das stimmt nicht, Damian. Ich habe dir eben erklärt, dass ich mich dafür konzentrieren muss. Wenn jemand wütend ist oder verwirrt, dann ist es für mich leichter. Aber ich benutze meine Fähigkeit nicht ohne Grund. Das musst du mir glauben. Als wir gestern Abend stritten, hat mich dein Verstand genauso laut angeschrien, wie du mich. Du hast mich ganz unbeabsichtigt an deinen Gedanken teilhaben lassen. Das war nicht einfach für mich.«

Nachdem er geendet hatte, machte er ein betretenes Gesicht und ließ die Schultern hängen. Er sah aus wie ein geprügelter Hund. Ich verfiel in Schweigen und dachte darüber nach, blieb aber auf der Hut. Er konnte trotz seiner beteuernden Worte jederzeit in meinen Kopf eindringen. Dieser Gedanke erzeugte bei mir eine Gänsehaut. Es lief mir zum zweiten Mal an diesem frühen Morgen eiskalt den Rücken herab. Um mich abzulenken begann ich nervös vor dem Bett auf und ab zu tigern.

Immer noch schämte ich mich, obwohl er derjenige sein sollte. Andererseits hatte er mir seine Fähigkeit gestanden, anstatt weiterhin zu schweigen. Diesen Punkt rechnete ich ihm auf meiner imaginären Verzeihliste an, die aber noch recht kurz war. Dennoch hatte er nichts in meinen Gedanken zu suchen. Jetzt nicht und auch künftig nicht. Sie gehörten mir, mir ganz allein. Ich musste einen Weg finden, dass er das nicht mehr konnte.

»Damian?«, fragte er leise und unterbrach die Stille, die sich zwischen uns ausgebreitet hatte.

»Mhmmm.«

»Damian, ich kann dir beibringen, wie du deinen Verstand abschirmst.«

»Mhmmm«, wiederholte ich und ignorierte geflissentlich, dass er genau auf meinen letzten Gedanken geantwortet hatte.

»Ich kann dir noch viel mehr beibringen, wenn du mich lässt. Auch du hast eine Fähigkeit. Sie schlummert in dir. Uriel hat mir versprochen, dir zu helfen sie wiederzufinden. Und bitte hör auf zu schmollen.«

»Wer sagt denn, dass ich schmolle?«, brummte ich und blieb stehen.

»Du, wenn du es genau wissen willst.« Eljakim lächelte und stand auf. Langsam kam er auf mich zu, beide Arme hielt er seitlich nach oben, um mir zu zeigen, dass er unbewaffnet war. Natürlich hatte er keine Waffe in der Hand, trotzdem verstand ich seine Geste. »Waffenstillstand?«

Seufzend musterte ich ihn und verdammt noch mal, sein Grinsen war unheimlich ansteckend. Es wanderte ebenfalls auf meine Verzeihliste.

Ich gebe einfach viel zu schnell nach, ärgerte ich mich.

»Na gut«, sagte ich und zuckte mit den Schultern. »Es wird mir ja nichts anderes übrig bleiben. Dafür musst du schwören, niemals mehr meine Gedanken zu lesen. Und du musst mir beibringen, wie ich dich blockieren kann. Am besten heute noch.« Denn offenbar taten Uriel und Aurie genau das, sonst hätte er sicherlich anders auf beide reagiert.

Eljakim nickte.

»Dann fang bitte noch einmal von vorne an. Wer bin ich? Warum versteckst du mich? Und von welchem ER haben Uriel und Aurie die ganze Zeit gesprochen. Dieser ER, dessen Namen man nicht aussprechen darf.«

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Teil 1 aus der „Ynsanter-Saga“

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Es war ein heißer Sommertag in der Hafenstadt Deir al-Bahri. Die Sonne stand im Zenit. Viele Raukarii flohen vor der ansteigenden Mittagshitze in ihre kühlen Häuser oder suchten Schatten unter den vereinzelten Bäumen. Einige Bewohner verbrachten diese Tageszeit auch gerne im Hafen. Die salzige Seeluft wehte von Westen angenehm erfrischend durch die vielen Docks, Kais und umliegenden kleinen Gassen und Häuserschluchten. An jenem Ort lungerten die finstersten Gestalten herum, vom Piraten, über Söldner, bis zum einfachen Matrosen und deren oft zweifelhaften Offizieren, sogar einige Kapitäne. Die feinen Bürger von Deir al-Bahri, die nicht sehr zahlreich waren, bewohnten das äußere Händlerviertel. Stadtwachen durchstreiften diese Gegend, doch auch unter ihnen gab es zwielichtige Zeitgenossen, deren Schweigen man sich ohne Weiteres für einige Edelsteine erkaufen konnte. So vermochten Halunken auch in der vornehmeren Gegend in Ruhe ihren Geschäften nachzugehen, ohne Gefahr zu laufen, mit einer Verhaftung – oder im schlimmsten Fall mit dem Tod durch den Strick – rechnen zu müssen.

Die beiden Kompagnons Haldnar und Iorel jedoch ließ diese Bedrohung kalt, sie hatten keine Angst vor den Stadtwachen. Sie kannten die Stadt und ganz besonders den Hafen wie ihre eigene Westentasche. Beide waren hier aufgewachsen und hatten über die Jahrhunderte eine gute Nase für spezielle Geschäfte entwickelt. Das war auch der Grund, warum sie in der glühend heißen Mittagshitze durch die Straßen zogen und eine ganz bestimmte Taverne ansteuerten.

Haldnar und Iorel waren Raukarii. Die Raukarii waren ein langlebiges Volk mit spitzen Ohren, brauner Haut, roten Haaren und bernsteinfarbenen Augen. Angehörige jenes Volkes waren in Zanthera als äußerst ausdauernd, agil, gerissen und vor allem als gefährliche und geschickte Krieger bekannt, was auf ihre streitsüchtige Vergangenheit zurückzuführen war. Sie sahen sich als das einzig wahre Volk, welches das Recht besaß, Zanthera für sich allein zu beanspruchen. Daher wunderte es keinen Raukarii, dass Leven’rauka – ihre Heimat – von Übergriffen der Menschen oder ihrer verhassten Feinde, den Iyana, verschont blieb. Allerdings dachte sowieso kein Bewohner der sehr weit südlich liegenden Handelsstadt an die Feinde im Norden.

„Bist du dir auch wirklich sicher? Ich will mich ja nicht beklagen, aber Llynmeh war schon immer geizig“, meckerte Iorel leise vor sich hin, während sie die Abkürzung durch eine Seitengasse nahmen, in der sie im Schatten der niedrigen Häuser beinahe unsichtbar wurden. Iorel war Haldnars Stellvertreter und Freund und machte keinen Hehl aus seiner wachsenden Skepsis. Sie befanden sich auf dem Weg zu einem Treffen mit einem Nekromanten. Diese kleine Gruppe Magier genoss zwar großes Ansehen unter den Schurken, war aber stets mit Vorsicht zu genießen. Nicht einmal die Aussicht auf eine gute Entlohnung half dieses Mal Iorels Zweifel auszuräumen.

Haldnar blieb stehen und sah seinen Freund, der einen Kopf kleiner war als er und dessen rotes Haar ungewaschen und lang über die Schultern fiel, scharf an. In der braunen Wildlederhose und dem beigefarbenen Baumwollhemd gab Iorel eine gute Figur ab. Sein Kurzschwert prangte am Gürtel, und einige Dolche hatte er in den Stiefeln versteckt, wie jeder, der ihn kannte, nur zu gut wusste. Iorel stand manchen Dingen gerne kritisch gegenüber, neigte jedoch im Gegensatz dazu, zu euphorisch zu sein. Die Freunde kannten sich schon ein Leben lang, hatten gemeinsam viel erlebt und vertrauten daher einander blind.

„Natürlich bin ich mir sicher, Volltrottel“, zischte Haldnar und lief augenblicklich weiter. „Llynmeh hat uns … oder eher mir … ein großes Ding versprochen, den Rest schaukle ich auf meine Weise.“ Damit war die Sache für ihn vorerst erledigt.

„Schon gut, hab’s ja nicht so gemeint“, gab Iorel klein bei, da er bei Haldnars Wutausbrüchen oft den Kürzeren zog, eilte ihm hinterher, schnaubte noch einmal beleidigt und beobachtete den anderen aus den Augenwinkeln.

Sein Freund bot mit den kurzen Haaren und dem stattlichen Körperbau ein beeindruckendes Bild. Er war geschickt im Umgang mit Waffen, besaß Köpfchen und hatte immer einen Plan in der Hinterhand. Im ledernen Waffengürtel um seine Hüfte steckte ein prächtiges Langschwert aus vielfach gehärtetem Stahl, verziert mit einem blauen Edelstein im Knauf. Es war Haldnars wertvollster Besitz, den er vor zwanzig Jahren einem tapferen Raukariikrieger bei einem brutalen Überfall vor den Toren der Stadt gestohlen hatte. Das war auch ein Grund, weshalb er es stets bei sich trug und selbst im Schlaf nicht ablegte.

Haldnar achtete nicht auf seinen Stellvertreter und marschierte unbeirrt weiter, diesmal einen Schritt schneller. Schon alleine sein Stolz ließ die Bemerkung nicht gelten, dass er sich in einem Geschäft geirrt haben könnte. Immerhin war er der Anführer der größten ansässigen Räuberbande Deir al-Bahris, und keiner seiner Schurken war bisher geschnappt worden. So sollte es auch künftig bleiben. Sie konnten zurzeit keinen Ärger gebrauchen, aber genau dieser war seit einigen Wochen ein ständiger Begleiter, was den Dieben noch den letzten Nerv raubte. Die Gruppenstärke der Stadtwache, die auf jeden Fingerzeig der Bewohner achtete und sofort zuschlug, war aus einem ihnen noch unbekannten Grund vergrößert worden. Das bedeutete für die Diebe, noch vorsichtiger vorgehen zu müssen als sie es ohnehin schon taten.

Der Nekromant, mit dem sie sich treffen wollten, war zwar ein guter Sozius, und die beiden Schurken trafen sich nicht zum ersten Mal mit ihm um Geschäfte abzuwickeln, aber Llynmeh war und blieb ein merkwürdiger Zeitgenosse, der keinerlei Späße verstand. Er gehörte dem geheimnisvollen Nekromantenzirkel der Stadt an. Dort wurden abnorme Dinge getan, von denen niemand etwas Genaueres wissen wollte. Aber dieser Geheimbund entlohnte außerordentlich gut für gestohlene Ware und nur das zählte letztendlich.

Die Hafenstadt Deir al-Bahri war nicht nur die erste Anlaufstelle für Banditen, sondern besaß auch die beste Magierschule des Landes. Raukarii aus weit entfernten Ecken von Leven’rauka kamen hierher, um Bannzauber, Beschwörungen, Illusionen, Verwandlungen oder ganz besondere Bereiche der Magie bis zur Perfektion zu studieren. Nur eine Form der Zauberkunst wurde nicht gefördert und vor allem nicht geduldet: Nekromantie, die Kunst Leben zu manipulieren, zu erschaffen und zu zerstören. Unablässig und mit aller Härte wurden jene Magier, die diesen dunklen Pfad betreten hatten, aufgespürt und bestraft, entweder mit lebenslanger Verbannung oder mit dem Tod. Jedoch gingen einige bei ihrer entarteten Kunst so geschickt vor, dass man ihnen kaum etwas nachweisen konnte. Genau diese Nekromanten hielten sich bevorzugt und in aller Heimlichkeit im Hafenviertel auf. Die hier vor Anker liegenden Koggen, Schoner und Dreimaster kamen vom Norden und von den Inseln im Süden Leven’raukas und brachten außergewöhnliche Dinge für spezielle Experimente oder den täglichen Gebrauch mit, hin und wieder sogar billige Sklaven, die zuweilen unerlässlich für ihre Arbeit waren.

Nach einigen Minuten Weg durch die Gassen saßen Haldnar und Iorel dem Nekromanten an einem kleinen Tisch in der hintersten Ecke der Taverne Zum Spielmannsfluch gegenüber. Trotz des Sonnenscheins draußen waren die Fenster verhängt und der Raum aufgeheizt durch das Küchenfeuer. Sie kauerten über drei Bechern billigen Weißweins, und Llynmeh berichtete leise, weswegen er die beiden hergebeten hatte.

„Die alte Hexe Myrvoda ist diesmal zu weit gegangen“, informierte sie Llynmeh. „Sie hat unserem Anführer einen kostbaren Gegenstand gestohlen und mit Vergeltung gedroht, wenn jemand aus unserem Zirkel dieses Objekt zurückholt. Doch hat sie nichts dazu gesagt, was passieren würde, wenn jemand anderes ihn ihr wieder unter der Nase wegstiehlt. Das bringt mich nun zu euch.“ In Llynmehs Stimme lag eine gewisse Anspannung. Die Kapuze seiner dunklen Robe hatte er tief ins Gesicht gezogen, sodass seine Verhandlungspartner das spöttische Lächeln nicht sahen.

Llynmeh war ein Raukarii mittleren Alters und für sein Volk von außergewöhnlich hoher Statur, größer noch als Haldnar. Er hatte lange dürre Finger und stets einen grimmigen Gesichtsausdruck, welcher ihm frühzeitig tiefe Falten um die Augen herum beschert hatte und seinen Blick noch jähzorniger erscheinen ließ. Nur wenige kannten sein wahres Gesicht, denn meistens starrten nur zwei arglistig funkelnde Augen aus dem Schatten seiner Kapuze sein Gegenüber an. Ein eigenartiger Geruch von Moschus und Weihrauch begleitete ihn ständig.

„Wenn ich das richtig verstehe, soll dieser Gegenstand zurückgeholt werden, und zwar von einem Raukarii, der kein Magier ist?“, hakte Haldnar nach.

„So ist es“, entgegnete Llynmeh kühl. „Myrvoda ist unserem Anführer schon länger ein Dorn im Auge, obwohl ihre Macht unserer weit unterlegen ist. Aber mit Hexenmeistern sollte man dennoch vorsichtig sein, wie uns der jüngste Vorfall gezeigt hat. Myrvoda ist verschlagen und kramt in Dingen herum, von denen sie besser die Finger lassen sollte. Und wie ich schon sagte, hat sie diesmal ihre Nase zu tief hineingesteckt.“

„Dafür muss aber einiges für mich und meine Jungs rausspringen“, gab der Bandenführer sofort zu verstehen und erhaschte in den Augenwinkeln ein bestätigendes Kopfnicken Iorels.

„Ihr besorgt mir das Artefakt und erhaltet vom Zirkel zwanzig Säcke Edelsteine. Keine Halbedelsteine, sondern die kostbaren. Das müsste als Belohnung genügen“, erklärte Llynmeh ohne Umschweife. „Außerdem könnt Ihr euch nehmen, was ihr bei der alten Hexe findet, solange ihr mir das Artefakt bringt.“

Was Haldnar und seine Männer dort finden würden, konnte ohnehin kaum von Belang für den Magier sein, und Edelsteine besaß der Nekromantenzirkel reichlich, nur der gestohlene Gegenstand musste dringend wiederbeschafft werden. Am Ende würde eine große Belohnung seines Meisters auf ihn warten und alleine das zählte.

„Die Bezahlung klingt vernünftig“, befand Haldnar, schaute dabei zu Iorel und erinnerte ihn mit einem Fußtritt unter dem Tisch an ihr vorangegangenes Gespräch. Sein Freund nickte und blickte anschließend beschämt in den Weinbecher. Die Entlohnung war mehr als ursprünglich angedacht und absolut ausreichend.

„Jetzt sagt mir aber zuerst, um was für ein Artefakt es sich handelt, bevor ich mich auf Euer Geschäft einlasse!“ Haldnar verspürte kein großes Verlangen danach sein eigenes Verderben heraufzubeschwören. Immerhin raubten er und seine Männer nicht jeden Tag eine Hexe aus, die den Gerüchten zufolge sehr viel Macht besaß.

„Es handelt sich um einen Ring, aber nicht irgendeinen x-beliebigen. Er besteht aus Silberarcharid, welches in den Minen des Brin-Krian Gebirges abgebaut wird“, erklärte Llynmeh und beobachtete den Bandenführer, der selbstverständlich nicht wusste, was daran so außerordentlich war. Um die Wichtigkeit des Ringes noch weiter hervorzuheben, fügte der Magier verschwörerisch hinzu: „Silberarcharid sieht aus wie Silber und ist doch härter als Stahl. Dieses Metall eignet sich gut für Beschwörungen aller Art und wird häufig für starke Magie benutzt. Unser Anführer hat dieses Schmuckstück mit einem Zauber belegt, der für uns Nekromanten sehr wertvoll ist. Zu erkennen ist er an den eingravierten Runen rundherum, und im Dunkeln leuchtet er leicht grünlich. Mein Führer will ihn wieder, koste es, was es wolle. Das heißt für euch, ihr steigt in Myrvodas Haus ein, findet das Artefakt und bringt es anschließend auf schnellstem Weg zu mir. Sind wir uns einig?“

„Die restliche Beute gehört mir?“, fragte Haldnar vorsichtshalber noch einmal nach.

„Ja“ Der Magier nickte und seine funkelnden Augen blitzten unter seiner Kapuze hervor.

„Dieses Ding scheint euch Nekromanten tatsächlich sehr wichtig zu sein. Mir sind die Edelsteine wichtig. Daher denke ich … wir sind uns einig. Maleas Hände sind begnadet für Diebstähle aller Art“, scherzte Haldnar und prostete Iorel zu, worauf beide ihre Becher in einem Zug leerten und der Nekromant sich ihnen anschloss.

„Wie geht es der hübschen jungen Dame eigentlich?“, erkundigte sich Llynmeh nach Malea. Heimlich hatte er ein Auge auf das viel jüngere Mädchen geworfen, das er schon einige Male mit Haldnar und seinen Männern angetroffen hatte.

„Sie ist groß geworden und ähnelt von Tag zu Tag immer mehr einer erwachsenen Frau, dabei ist sie erst zwanzig Jahre alt. Ihre Mutter scheint wohl einst eine attraktive Raukarii gewesen zu sein, und meine Naynre bringt Malea alles bei, was sie wissen muss.“

„Vielleicht ergibt sich ja bald eine günstige Gelegenheit sich mit ihr alleine und in meinem Schlafzimmer zu treffen“, sagte Llynmeh und sein Lachen klang dabei kalt und berechnend.

Iorel schluckte. Die anzüglichen Worte ließen ihn automatisch verkrampfen, denn er wusste, der Magier meinte es todernst.

„Ich glaube nicht …“, warf Iorel ein, brach jedoch abrupt ab, als Haldnar ihm einen heftigen Tritt gegen das Schienbein verpasste und böse anstierte.

„Meine Kleine wird sich bestimmt freuen“, meinte Haldnar und lächelte. Ob er mit diesem Angebot nur einen Scherz gemacht hatte oder sich doch gewisse Vorteile ausmalte, konnte keiner der anwesenden Raukarii in jenem Moment sagen. Aber eines wussten sie: Haldnar konnte genauso skrupellos und unberechenbar sein wie der Nekromant.

„Ich habe noch einen Rat für Euch“, meldete sich Llynmeh zu Wort und kam zurück zu ihrem Geschäft. „Schlagt in drei Tagen zu. Dann ist Neumond. Kein verräterisches Mondlicht wird Euch bei eurem Auftrag behindern.“

„Ich werde es mir merken“, bestätigte Haldnar und bestellte mit einem Wink bei einem Schankmädchen nochmals drei Becher des billigen Weins. „Die Rechnung geht auf mich, denn wir sollten feiern. Und vielleicht können wir uns ja im Bezug auf Malea einigen.“

Die Antwort des Nekromanten bestand in einem versöhnlichen Grinsen und anzüglichen Gedanken, während Iorel unter dem Tisch die Hände zu Fäusten ballte.

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Teil 2 aus der „Ynsanter-Saga“

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Ein schattenhafter Nebel wirbelte um Rylance und schmiegte sich an seinen Körper wie eine zweite Haut. Beim nächsten Atemzug erschloss er die Schattenebene und reiste auf den Schwingen des Schattens zurück nach Vayenya, wo Tallex nervös auf ihn wartete. Überraschend tauchte er in ihrem Schlafzimmer auf und sank erschöpft auf das Sofa. Blass und mit geschlossenen Augen versuchte er sich zu beruhigen, während er schmerzhaft das Gesicht verzog. Schlimmer als die Schmerzen war nur seine Wut.

„Du blutest!“, entfuhr es Tallex geschockt.

Rylance hatte einen tiefen Kratzer an seiner rechten Schulter abbekommen, der heftig pochte und seine Robe mit Blut tränkte.

„Das ist nichts“, entgegnete er matt.

„Du bist verletzt, blutest und sagst, es wäre nichts?“, fuhr Tallex ihn an. Doch im nächsten Augenblick setzte sie sich besorgt neben ihn und untersuchte die Wunde. Sie schien von einem kräftigen Gebiss zu stammen.

„Das heilt gleich wieder.“ Rylance spürte bereits das erste Kribbeln in seinem linken Zeigefinger. Dort saß ein silberner Ring, der bläulich aufleuchtete. Das magische Artefakt hatte mit der Heilung begonnen, und er fühlte sich schon ein wenig besser. Die Schmerzen ebbten langsam ab, noch wenige Minuten und von der Verletzung würde nur noch eine gerötete Hautstelle zeugen. Aber selbst diese würde nach einem Tag verschwinden. Wie sehr er diesen Ring und seine Wirkung schätzte.

Interessiert beobachtete Tallex den Prozess, bis auf die zerrissene Kleidung nichts mehr übrig war. „Was ist eigentlich passiert? Du warst so schnell weg, dass ich nicht einmal reagieren konnte.“

„Deine Sorge ehrt mich, das spielt jetzt aber keine Rolle mehr“, wich er einer direkten Antwort aus. Als sie ihn jedoch ärgerlich anstarrte, räusperte er sich. Immerhin verfolgten sie ein gemeinsames Ziel, und Tallex hatte ihm bisher gute Dienste geleistet. Sie verdiente eine Erklärung. „Ich wurde von meiner Wut gelenkt. Der alte Sklaventreiber Nezzir Rawon ist ein Volltrottel. Eigentlich wollte ich ihm zur Strafe die Lebensenergie stehlen, dazu kam es aber nicht. Denn plötzlich war er nicht mehr alleine. Ich hätte es mir denken können. Neferrilion hat ihn nicht aus den Augen gelassen und war mit dem Wächter in Wolfsform aufgetaucht. Eines ergab das andere, und das Ergebnis siehst du. Der Wächter hat mich attackiert und abgelenkt, damit der Priester mich mit seiner göttlichen Magie angreifen konnte. Beide haben mich unvorbereitet getroffen. Ich hatte keine Chance. Ich konnte mich nur noch mit einem starken Schildzauber schützen, bevor ich in den Schatten tauchte.“

„Du hast gegen Zakar … ich meine Neferrilion gekämpft?“ Tallex staunte über alle Maßen. „Das hätte ich nur zu gerne gesehen.“

„Das kann ich mir vorstellen“, schnaubte Rylance grimmig und besah sich seine kaputte Robe. „Die werde ich ersetzen müssen. Darin steckte eine Menge Arbeit. Zuerst muss ich aber meinen Vorrat an Lebensenergie auffrischen. Mein Ring wird allmählich schwächer. Und dann, beim nächsten Treffen, werde ich es den beiden heimzahlen. Dafür werden sie büßen.“

„Vergisst du nicht etwas?“, entgegnete Tallex. „Wir haben das Gespräch zwischen Neferrilion und diesem jungen Priester Ronor heimlich belauscht, und Neferrilion genießt die Gunst des Feuergottes. Außerdem ist er Magier und …“

„Ein Magier vielleicht“, unterbrach Rylance seine Geliebte, „aber er besitzt nicht die Kräfte der Schatten, nicht einmal Zevenaar beherrscht diese Fähigkeiten. Beim nächsten Wiedersehen werde ich sie vernichten und mich an dem Wächter rächen.“

„Und was gedenkst du zu tun?“, fragte Tallex neugierig, lief zu einem kleinen Tischchen und schenkte für sie beide einen Becher Weißwein ein. Mit ihnen kam sie zurück und setzte sich wieder neben ihn.

Das war eine berechtigte Frage, wie der Nekromant durchaus wusste. Fieberhaft dachte er darüber nach und ließ sich dabei von Tallex weichen Lippen und zärtlichen Fingern verwöhnen. Lustvoll küsste sie ihn im Gesicht und am Hals, ihre Hände glitten dabei unter die Robe und massierten seine Brust. Er liebte ihre Liebkosungen, sie brachten sein Blut in Wallung. Doch plötzlich stieß er sie von sich und schleuderte einen der Weinbecher zu Boden. An der Stelle breitete sich augenblicklich eine kleine Pfütze aus.

Erschrocken starrte sie Rylance an.

„Wir zwei müssen zu Calenor“, sprach er seine Gedanken laut aus. „Ich habe eine Idee und dazu brauche ich ihn.“ Er stand auf und reichte ihr die Hand.

„Aber er ist wieder in Caress.“ Verwirrt ließ sich Tallex aufhelfen. Bei der Erinnerung an Calenor durchfuhr sie ein kalter Schauer. Sie hatte ihn schon seit einigen Tagen nicht mehr gesehen, und eigentlich hatte sie ihn auch so schnell nicht wiedersehen wollen. Sie war Rylance’ Charme mit jeder Faser ihres Körpers verfallen und verspürte keine Lust, sich mit Calenor zu unterhalten, und sich womöglich von ihm berühren zu lassen.

„Das macht nichts, ich fühle mich stark genug, um uns beide durch den Schatten nach Caress zu bringen“, bedeutete er rasch und bedachte sie mit einem listigen Lächeln.

Innerhalb der nächsten Minuten setzte der Nekromant seine Worte in die Tat um. Gemeinsam reisten sie auf schattenhaften Schwingen durch Raum und Zeit und tauchten in der alten Stadt der Priester wieder auf. Sie befanden sich unmittelbar vor dem Haus Kurutamat.

Das fünfstöckige Gebäude fußte am Ufer des Lavasees von Caress, der zugleich den zentralen Mittelpunkt der Stadt bildete. Die glühende Lava strahlte so hell, als würde die Sonne scheinen. Der natürliche See war vor langer Zeit von Zevenaarpriestern mit einer unsichtbaren Magiebarriere versehen worden, sodass die Lava die Stadt nicht zerstören konnte und die Einwohner nicht an den giftigen Dämpfen starben. Für frische Atemluft sorgte ein ausgeklügeltes magisches System aus Löchern in der Höhlendecke, es gab sie schon so lange, wie Caress existierte.

Das Haus Kurutamat bestand aus schwarzem Marmor. Türme und Minarette stachen an den Ecken wie Klauen in die Höhe. Mindestens zwei Dutzend Raukarii patrouillierten um das Gebäude herum. Es war nicht nur das prächtigste und eindrucksvollste Anwesen der Stadt, sondern auch das bedeutungsvollste.

Erst vor einer Woche war Rylance zu Besuch gewesen, als er den Komfort von Calamarlyhtos’ kräftigem Drachenrücken in Anspruch genommen hatte. Er war vom Konzil, oder besser gesagt, von Anarch höchstpersönlich eingeladen worden.

Beide Raukarii hatten jedoch keinen Blick für die Schönheit des Anwesens oder die Wunder der Stadt übrig und machten sich sofort auf den Weg zu Calenors Privatgemächern. Sie trafen ihn mit einer seiner zahlreichen Bettgespielinnen in einer kompromittierenden Situation an. Verärgert sprang er aus dem Bett und streifte sich Hose und Hemd über, während die Raukarii nackt aus dem Raum floh. Tallex schaute ihr mit angeekelter Miene hinterher.

„Wenn ihr eine Nachricht geschickt hättet“, sagte Calenor, als er nun auch seine Stiefel anzog, „dann hätte mein Vater sicherlich einen Empfang vorbereitet.“

„Du meinst wohl, du hättest dieses Flittchen vorher entlassen“, konterte Tallex gereizt, und doch war sie insgeheim froh, dass nicht sie das Bett mit ihm teilte. Er hatte einfach nicht das zu bieten, was Rylance ihr gab, und das war mehr, als sie sich je erträumt hatte.

„Vielleicht.“ Er lächelte verschmitzt und setzte sich auf einen Sessel. Seine unerwarteten Gäste hatten bereits auf einem Diwan ihm gegenüber Platz genommen. „Und was verschafft mir die Ehre des Besuchs?“

Ohne Umschweife erzählte der Nekromant, was vorgefallen war und was er und Tallex über Nezzirs Begleiter herausgefunden hatten.

„Interessant … wirklich sehr interessant“, sagte der Waffenmeister, nachdem er darüber nachgedacht hatte. „Wäre es nicht besser, meinen Vater oder Calamarlyhtos darüber zu informieren? Ich bin ein Krieger und kämpfe mit Waffen, aber gegen einen Magier kann ich recht wenig ausrichten.“

„Vielleicht mehr als jeder andere“, begann Rylance ihm zu schmeicheln, „denn in diesem Fall wird ein grandioser Krieger mit scharfen Sinnen und Weitsicht benötigt.“ Inständig hoffte er, damit zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Den Waffenmeister von Tallex fernzuhalten, damit sie ihm gänzlich verfiel, und gleichzeitig Calenor für seinen Plan zu gewinnen.

„Aha“, meinte Calenor nicht ganz überzeugt. „Vor einer Woche hat das Konzil beschlossen, dass ich die Truppen nach Zyrakar anführen soll, kurz nachdem …“

„Das kann auch jeder andere“, unterbrach ihn Rylance und grinste. „Euer Stellvertreter Saylzar ist der Aufgabe durchaus gewachsen und wird die Truppen bis zur Hauptstadt führen können.“

„Saylzar ist aber …“, setzte Calenor zu einer Antwort an, der Nekromant schnitt ihm aber erneut das Wort ab.

„Der Raukarii ist ein guter und fähiger Kommandant. Das waren Anarchs Worte. Also kann er die Aufgabe übernehmen.“

„Da stimme ich mit Anarch überein“, mischte sich nun Tallex ein und beobachtete die verwunderte Miene ihres langjährigen Geliebten. Sie ahnte, dass ihm dieses Thema keinesfalls behagte. Zum einen vertraute Calenor nur sich selbst und seinen Fähigkeiten, denn er war ein Krieger mit Leib und Seele. Zum anderen stellte der Truppenaufmarsch nach Zyrakar für ihn die größte Ehre seiner bisherigen Laufbahn dar. Diese einmalige Gelegenheit würde er sich nicht einfach aus der Hand nehmen lassen. Der Köder musste dementsprechend sehr viel mehr wert sein. Doch sie tappte bisher ebenso im Dunkeln wie Calenor und wartete gespannt, was Rylance sich hatte einfallen lassen. Bisher waren seine Pläne unbezahlbar gewesen.

„Hör dir erst an, was Rylance dir zu sagen hat“, fuhr sie fort. „Ablehnen kannst du später immer noch. Ich erinnere dich aber gerne an ein gemeinsames Ereignis, und das Stichwort lautet Götterschwert.“

„Ynsanter?“ Ungläubig riss Calenor die Augen auf. Es schien für ihn eine Ewigkeit her zu sein, dass er mit Tallex nach dem Schwert gesucht hatte. Durch die Truppenaufstellungen gegen die Zevenaaranhänger war Ynsanter weit in den Hintergrund gerückt. Sein Fokus lag auf der baldigen Vernichtung des Klerus’, der mit allen Mitteln eliminiert werden musste.

„Ja … Ynsanter“, nahm Rylance den Faden auf und begann, seine Idee zu erläutern. „Ich möchte, dass du für mich Auge und Ohr bist. Für mich ist es schwierig, in den Norden zu reisen, jetzt, kurz vor unserer ersten Schlacht. Aber du kannst es ohne Weiteres mit meiner Hilfe schaffen. Du sollst an meiner Stelle nach Ianara reisen. Aber nicht auf dem Pferd oder zu Fuß. Dafür habe ich etwas ganz Besonderes für dich. Es wird dich dabei unterstützen.“

Die Raukarii sahen den Nekromanten sprachlos an.

„Ich möchte dich verwandeln“, sprach Rylance weiter und schien nun ganz in seinem Element zu sein. „Du sollst dem Auserwählten Zevenaars als Amurleopard folgen, bis er den Schrein erreicht hat. Dann komme ich ins Spiel. Wenn wir zusammenarbeiten, wird Ynsanter und seine ihm innewohnende Macht schon bald uns gehören und keinem schwächlichen Gott, der nicht mal in der Lage ist, uns aufzuhalten. Doch ich warne dich, du darfst den Auserwählten nicht töten. Zuerst muss er das Schwert in den Händen halten. So lange muss er am Leben bleiben.“

Abschließend lächelte er geheimnisvoll und stellte sich vor, wie er sich Ynsanters Kraft zunutze machte, um endlich das Ziel seiner Träume zu verwirklichen. Ein Ziel, welches weit mehr beinhaltete als die Macht des Götterschwertes. Um seine vorausgegangenen Worte schließlich zu bekräftigen, griff Rylance in die Innentasche seiner zerrissenen Robe und holte einen äußerst wertvollen, aber auch seltenen Edelstein hervor. Er war so groß wie ein kleiner Finger. Diesen Stein – den er vor über siebenhundert Jahren durch seine magische Kraft zu dem gemacht hatte, was er heute war – hielt er bewundernd in die Höhe. Die glatt geschliffenen Silhouetten des blauvioletten Edelsteins spiegelten die brennenden Kerzen des Raumes tausendfach wider und zogen die Raukarii in seinen Bann. Er war wunderschön und strahlte eine mysteriöse Aura aus, die mit Respekt einherging.

„Das ist ein Iolit“, erklärte Rylance. „Er ist mit einem Zauber belegt, dessen Träger es gestattet ist, sich jederzeit in eine Raubkatze zu verwandeln. Aber die Verwandlung funktioniert nur, wenn man das auslösende Wort ausspricht. Und wenn du dich entschließen solltest, mir zu helfen, Calenor …“, er sah dem Waffenmeister verheißungsvoll in die Augen, „… dann besitzt du auch zugleich alle Instinkte eines Raubtiers. Die magische Kraft wird nur deinen Körper verändern, aber nicht deine Seele.“

Als Rylance seine Erklärung abschloss, überreichte er den funkelnden Edelstein an Calenor weiter, der ihn vorsichtig in die Hand nahm und ehrfürchtig musterte. Auf den ersten Blick sah er aus wie ein ganz normaler Edelstein, doch aus seinem Inneren drang eine angenehme Wärme heraus. Je länger er hineinblickte, desto wärmer wurde er, und ein leichtes Kribbeln durchfuhr seine Finger. Er hatte den Eindruck, als würde er ein magisches Schwert in Händen halten, eines, wie es ihm Calamarlyhtos vor Jahrhunderten einmal geschenkt hatte. Die Magie war zum Greifen nahe. Weder das Schwert noch der Edelstein waren ersetzbar, und er fühlte sich auserkoren.

„Wirst du die Aufgabe annehmen?“, erkundigte sich Rylance und beobachtete zufrieden Calenor, dessen Augen vor Lust und Gier, Furcht und Respekt glänzten.

„Ich werde“, antwortete der Raukarii und grinste breit. Im Geiste sah er sich schon als Raubkatze, er würde Nezzir Rawon und Neferrilion in Stücke zerreißen. Oh ja, das wäre ein Kampf ganz nach seinem Geschmack.

„Sehr schön“, freute sich Rylance. Eine andere Antwort hätte er auch gar nicht zugelassen. Auf seine einnehmende Magie war eben Verlass. „Dann vergeuden wir keine kostbare Zeit. Ich werde dich, sobald du bereit bist, vor die Tore der Stadt bringen, um die Verwandlung mit dir durchzuführen.“

Eine Stunde später war alles für eine übereilte Abreise vorbereitet. Tallex unterrichtete Anarch Kurutamat, dass sein Sohn im dringenden Auftrag des Nekromantenzirkels augenblicklich abreisen musste, während Rylance den Waffenmeister aus Caress begleitete. Unmittelbar hinter der großen Steinbrücke, die den einzigen begehbaren Weg über den Feuerspalt darstellte, machten sie Halt.

Die Brücke war ein architektonisches Meisterstück der alten Erbauer. Aus einem einzigen Felsen gehauen, konnten zehn bewaffnete Soldaten nebeneinander darüber marschieren. Eine Brüstung mit Rundbögen erstreckte sich über die Länge von fast zweihundert Metern entlang. Sie war vom schwefelhaltigen Dunst eingehüllt, unterdessen gähnten im tiefen Abgrund zerklüftete Felsvorsprünge und der brodelnde Lavastrom. Die Hitze stieg nach oben und brachte beide zum Schwitzen. Inzwischen verblasste der Mond am Nachthimmel, und das erste Dämmerlicht kündigte den neuen Tag an.

Die beiden Männer hatten kein Auge für die Architektur ihrer Vorfahren übrig, oder für das orangerote, idyllische Farbenspiel am Horizont. Für Calenor galt es, das Prinzip der Verwandlung zu verinnerlichen. Vor allem kam es auf die richtige Aussprache des befehlenden Wortes an. Nach mehreren Erklärungen nahm der Nekromant den Iolit ein letztes Mal an sich und packte ihn in ein ledernes Säckchen. Dieses befestigte er an einer Lederschnur und hing sie Calenor wie eine Kette um den Hals. Damit war gewährleistet, dass er das kostbare magische Juwel stets bei sich trug und nicht verlieren konnte.

Dramuurdor“, sprach Calenor nach genauer Anweisung die magischen Silben dreimal hintereinander aus, jedes Mal mit einer anderen Betonung, wie er es eben gelernt hatte.

Kaum ausgesprochen, spürte er die erste Wirkung des Zaubers. Sein ganzer Körper begann zu kribbeln. Zuerst war es angenehm, aber rasch ging das Jucken in ziehende Schmerzen über, als würden seine Muskeln sich von alleine überdehnen. Binnen weniger Atemzüge verschlimmerten sich die Schmerzen, er glaubte, sein Blut würde kochen und ihn von innen heraus verbrennen. Er wollte aufschreien, aber aus seiner Kehle drang statt eines Schreis ein tiefes Fauchen. Immer noch durch Schmerzen gepeinigt, schaute Calenor verzweifelt auf seine Hände. Unter höllischen Qualen schrumpften seine Finger und wurden breiter, währenddessen brannte sein gesamter Körper, als würde er in siedender Lava stehen. Wo eben noch seine Fingernägel saßen, wuchsen plötzlich scharfe Krallen. Auf seiner Haut wuchs dichtes, geschecktes Fell.

Die Umwandlung erstreckte sich über seinen gesamten Körper. Seine Knochen knackten, deformierten sich, und von seiner Kleidung blieben lediglich zerrissene Fetzen auf dem staubigen Boden übrig. Schließlich hatte sich aus Calenors Raukariikörper der geschmeidige und kräftige Leib eines Amurleoparden geformt.

Mit einem kehligen Fauchen war die Verwandlung abgeschlossen, und Rylance beobachtete das prächtige Tier mit wachsamem Blick, das seine messerscharfen Zähne bleckte. Vor ihm stand eine fast drei Meter lange Raubkatze mit dunkelgelb und schwarz geschecktem Fell. Der lange Schwanz peitsche nervös hin und her, und die abgerundeten Ohren vernahmen nun Geräusche, die selbst für einen Raukarii nicht mehr zu hören waren. Das Einzige, was das Tier von einer normalen Raubkatze unterschied, waren die Augen. Sie funkelten im Licht der aufgehenden Sonne bernsteinfarben.

Das Säckchen mit dem Edelstein hing um den Hals des Leoparden, der sich überraschend schnell von dem Magier abwandte und mit kräftigen Beinen gen Norden davonstürmte.

Wie Rylance wohl wusste, verstärkte der Iolit von nun an Calenors neue Raubtierkräfte und Instinkte. Bis zum Sonnenuntergang würde er keine Pause benötigen und dabei schneller vorankommen als ein normaler Amurleopard. Der Stein war sogar in der Lage, auch die letzten körperlichen Reserven zu mobilisieren. Aber am meisten schätzte Rylance die Möglichkeit, mit dem Tier jederzeit telepathisch Kontakt aufnehmen zu können.

Schließlich drehte sich der Nekromant um und bewunderte durch den Nebelschleier hindurch die Steinbrücke. Sie stellte wahrhaftig ein Meisterwerk dar. Darüber sinnierend begab er sich zurück zum Haus Kurutamat und zu Tallex. Endlich musste er sich keine Sorgen mehr um Ynsanter machen, denn mit seinem klugen Schachzug konnte er sich vorerst ganz auf den ersten Schritt der kommenden Eroberung konzentrieren: die Einnahme von Deir al-Bahri.

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straeflingskarneval

Wie es sich herausstellte, war Gillean zwar überrascht, was er über Aidan erfuhr, war aber froh, dass er inzwischen unter Mrs. Buckleys Aufsicht stand, während sein Hass auf Bartholemeus Hinthrone und Peter Smith durch Ryans Erzählungen immer mehr Nahrung fand. Schließlich lebte ihre alte Freundschaft wieder neu auf.

In den nächsten Tagen verbrachte Gillean viel Zeit in der Küche. Es wurde viel geredet, alle Neuigkeiten ausgetauscht und schließlich wurde er sogar Zeuge, als Aidan und Ryan sich küssten. Er nahm diese Tatsache mit einem Lächeln auf und wünschte den beiden viel Glück. Damit war dieses Kapitel für ihn erledigt. Alles in allem war es ein guter Anfang, der jedoch nach einem Monat von einer unerwarteten Nachricht überschattet wurde.

Am Morgen des 31. Januars 2010 erreichte ein Brief von Kendra O’Neill die drei Schüler, der ihnen einen Schock versetzte.

„Was machen wir jetzt?“ Gillean starrte mit gemischten Gefühlen auf die Zeilen. „Wir können es nicht einfach totschweigen.“

„Sei nicht albern.“ Kimberly seufzte und gab ihm trotzdem ein Küsschen auf die Wange.

„Sagen müssen wir es“, sagte Ryan. „Immerhin betrifft es ihn genauso wie sie.“

„Ich gehe sofort zu ihm“, meinte Gillean und stand schnell auf.

„Wir gehen mit“, warf Ryan ein.

„Das ist eine gute Idee. Allerdings müsst ihr auf mich verzichten. Ich muss noch zu Mrs. Buckley,“ meinte Kimberly.

Gillean und Ryan runzelten verwundert die Stirn, dann zuckten sie mit den Schultern und machten sich zu zweit auf den Weg. Sie danach zu fragen, warum sie schon wieder zur Schulleiterin ging, sparten sie sich. Kimberly würde – ebenso wie die letzten drei Male – nichts verraten. Mit Kendras Brief bewaffnet, trat Ryan hinter Gillean in die Küche. Sie entdecken Aidan an einer der Geschirrspülmaschinen, wo er schmutziges Geschirr einräumte. Als er sie auf sich zukommen sah, warf er Ryan verstohlen einen liebevollen Blick zu und freute sich, ihn zu sehen. Er hatte erst zum Mittagessen mit ihm gerechnet und dann war auch noch Gillean bei ihm. Beide wirkten jedoch irgendwie geknickt.

„Ihr seht aus, als würde die Welt gleich untergehen“, stellte Aidan fest, als sie vor ihm stehen blieben.

„Vielleicht. Wir müssen mit dir reden, alleine“, antwortete Gillean und deutete zu Aidans Schlafkammer.

„Ähm … okay, ich sage nur schnell Mrs. Clark Bescheid.“

Zu dritt traten sie in die umfunktionierte Vorratskammer. Ryan setzte sich mit Aidan aufs Bett, Gillean nahm an dem kleinen Tisch Platz. Skeptisch musterte Aidan kurz darauf den Brief, den Ryan ihm aushändigte. Für einen Moment huschte ein Lächeln über sein Gesicht, denn er erkannte Kendras Handschrift, aber schon einen Moment später wurde er zusehends ernster. Sein Blick flog hastig über die geschriebenen Zeilen, bis er das Papier auf den Boden fallen ließ und ins Leere starrte.

„Aidan?“, fragte Gillean. „Geht’s dir gut?“

„Ja“, erklärte Aidan schlicht.

„Bist du dir auch ganz sicher?“, erkundigte sich Ryan, der mit einer ganz anderen Reaktion gerechnet hatte.

„Ja.“

„Wirklich?“ Irritiert schaute Ryan zu Gillean, der jedoch so aussah, als hätte er das vorausgesehen.

„Ja, wirklich“, erklärte Aidan eindrücklicher. „Mir geht es gut. Ich bin nur froh, dass Mum bei Tante Kendra ist, ihr wird es bestimmt nicht gut gehen.“

Ryan schluckte unwillkürlich. „Verzeih mir, aber…. dein Vater ist gestorben und du nimmst das … einfach so hin?“ Er hatte zwar Lawren McGrath nie ausstehen können und dieser hatte auch nicht unschuldig in Llŷr gesessen, aber trotzdem war er verwirrt.

Aidan gab darauf keine Antwort. „Meinst ihr, sie haben ihn zu Tode gefoltert?“, fragte er stattdessen überraschend und fixierte Gillean.

Ryan saß sprachlos da und lauschte aufmerksam.

„Wenn du mich fragst … dann ja“, gab Gillean sträubend zu. „Darin sind Hinthrones Männer bestimmt nicht anders als die Mörder der Datla Temelos oder andere skrupellose Killer.“

„Stimmt!“ Aidan nickte und für einen Sekundenbruchteil glaubte Ryan, ihn zusammenzucken zu sehen. Doch als wäre nichts gewesen, fuhr er einfach fort. „Jetzt steht also endgültig fest, dass mein Vater seine Geheimnisse mit ins Grab genommen hat. Nur meine Mum weiß noch von dem Wächterring – ihr ausgeschlossen – aber sie wird von Hinthrones Spionen überwacht. Und deine Mutter …“, er sah Gillean an und schluckte die nächsten Worte runter, während dieser die Hände zu Fäusten ballte. Seit er wusste, dass seine Mutter angeblich nicht eines natürlichen Todes gestorben war, hatte er an ihren Mördern Rache geschworen. „Hinthrone hat jetzt zwei Leute auf dem Gewissen“, sprach Aidan weiter. „Aber was soll ich tun? Alles totschweigen? Mein Dad hat vor der ganzen Sache immer wieder darauf bestanden, dass ich das Geheimnis bewahren muss, aber ich kenne es ja nicht einmal. Und dann kam plötzlich Ramon MacDermot und hat meinen Vater unter Druck gesetzt. Bei ihm hatte ich von Anfang an ein schlechtes Gefühl. Wie er einen angeschaut hat, lief es einem kalt den Rücken runter. Und von da an ging alles schief. Trotzdem ergibt alles für mich keinen Sinn. Ich verstehe nicht, was das überhaupt soll.“

„Und ob es Sinn macht“, erwiderte Gillean, der sich wieder etwas gefasst hatte.

„Was willst du damit sagen?“ Aidan war plötzlich interessiert, ebenso wie Ryan.

„Es ist so …“, begann Gillean und dämpfte seine Stimme. „Die Freundschaft zwischen Rossalyn und meiner Mutter war quasi ein offenes Geheimnis. Kannst du dich noch an den Besuch deiner Mum bei uns erinnern, Gillean? Kurz nach den Ostertagen war das. An dem Tag war sie doch so komisch, da muss sie von dem Wächterring erfahren haben, dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Nur wenig später fand dann der Angriff auf Omey Island statt. Und jetzt stellt euch vor, Ramon MacDermot hätte jetzt ebenfalls von dem Wächterring erfahren …“

„Halt mal!“, unterbrach ihn Ryan. „Darum geht es aber doch nicht, oder?“ Dabei sah er verwirrt zwischen Aidan und Gillean hin und her.

„Doch, aber nur am Rand“, antwortete Gillean. „Also noch mal von vorne. Die Datla Temelos unter der Führung von MacDermot wollten nicht nur den Orden einkassieren, auflösen … oder was immer wirklich ihre Absicht war. Ich glaube, sie haben von diesem Gesetzestext gewusst und was sich darin verbirgt. Versteht ihr? Der Wächterring gehört in deine Familie, Aidan. Nehmen wir also an, sie wussten davon und dass Aidans Vater das Geheimnis bewahrt und den Ring besitzt, dann ergibt es doch durchaus Sinn. Da liegt es nicht fern, dass auch Ryans Urgroßvater davon wusste, der ja immerhin Großmeister war.“

„Du vergisst aber, dass der Mörder deiner Mutter vermutlich Bartholemeus Hinthrone ist“, sagte Aidan, der auf das belauschte Gespräch zwischen von Mrs. Buckley und Mrs. Donahue andeutete.

„Moment“, warf Ryan ein. Jetzt wurde ihm das Ganze etwas zu viel. „Damit ich das richtig verstehe. Nachdem Lawren McGrath jetzt tot ist, sowie mein Urgroßvater und auch Gilleans Mutter, sind Rossalyn und Aidan die einzigen noch Lebenden, die von dem Originaltext und dem geheimen Weg wissen, wobei der Wächterring von Nöten ist, damit man diesen Weg überhaupt bestreiten kann. Aber außer Rossalyn weiß kein Mensch, was sich dort wirklich befindet. Habe ich recht?“

Beide nickten.

„Gut, dann ergibt es irgendwo doch einen Sinn“, rätselte nun Ryan weiter. „Nehmen wir an, die Datla Temelos wollten unbedingt dieses Geheimnis lüften und wahrscheinlich deswegen den Orden einnehmen, deshalb haben sie Omey Island angegriffen. Dann passt aber Hinthrone nicht ins Bild, wenn man von seiner Sucht nach Macht absieht. Außer er hätte mit den Formori gemeinsame Sache gemacht.“

„Wieso nicht“, stimmte Gillean ihm zu und zusammen schauten sie zu Aidan.

„Keine Ahnung“, erwiderte der plötzlich kleinlaut. „Ramon und seine Männer waren zwar mehrmals bei uns zu Hause und haben sich mit meinem Dad in seinem Arbeitszimmer eingeschlossen. Aber Hinthrone war nie dabei, wenn es das ist, was ihr gerade denkt. Und vergesst nicht, ich habe nie mitbekommen, über was sie sich unterhalten haben.“

„Leute“, meldete sich Ryan zu Wort, dem nun wirklich der Kopf schwirrte. „Das sind haarsträubende Theorien, aber es gibt niemand, der uns aufklären will. Rossalyn schweigt, genauso wie ihre Schwester; und Mrs. Buckley können wir ja wohl schlecht darauf ansprechen.“

Danach schwiegen sie und der Tod von Lawren McGrath rückte langsam wieder in den Vordergrund.

„Es ist ganz gut, dass mein Dad jetzt nicht mehr da ist“, verkündete Aidan emotionslos und knüllte den Brief seiner Tante zusammen.

Entgeistert beobachtete ihn Ryan dabei. „Aber er war dein Vater …“

„Rate mal, das weiß ich“, schnaubte Aidan unerwartet und warf das zusammengeknüllte Papier in die nächste Ecke. „Aber er war nicht dein Vater, Ryan.“

„Das glaube ich jetzt nicht,“ stammelte Ryan fassungslos.

„Dann tu’s auch nicht, aber dein plötzliches Mitgefühl für meinen Vater grenzt schon an Heuchelei.“

„Es ist kein Mitgefühl“, verteidigte sich Ryan, der die neue Richtung ihres Gespräches nicht gut fand, ganz abgesehen von Aidans bissigem Tonfall. Doch er versuchte ruhig zu bleiben. „Aber du hast wenigstens einen Vater gehabt, ich nicht.“

„Ich verstehe dich“, meinte Gillean, bevor Aidan was sagen konnte. „Ich kannte meinen Dad auch nicht, nur von zwei Fotos, die noch vor meiner Geburt gemacht wurden. Meine Mum hat mir auch nie wirklich etwas von ihm erzählt … nicht mal, wo er in Spanien begraben ist. Gerade mal seinen Namen kenne ich.“

Ryan warf Gillean einen Blick aus einer Mischung zwischen Verständnis und Mitgefühl zu.

„Aha … und jetzt glaubt ihr, dass ich wegen mangelnder Trauer ein schlechter Sohn bin?“, platzte es gekränkt aus Aidan heraus.

„Nein!“, antworteten beide gleichzeitig.

„Ihr hättet bestimmt nicht mit mir tauschen wollen“, versuchte Aidan versöhnlicher zu klingen, was ihm allerdings nicht so recht gelang. In seiner Stimme schwang eine unterschwellige Frustration mit. Die Erinnerungen an seine Kindheit wirbelten wie ein Albtraum durch seinen Kopf. Nervös knetete er die Finger. „Ihr denkt wahrscheinlich, Lawren war ein guter und perfekter Vater. Da liegt ihr so was von daneben. In mir hat er nur den männlichen Erben des Namens und des Vermögens gesehen. Und weil die gesamte Familie McGrath von den Urvätern unseres Ordens abstammt – wir kommen direkt hinter deiner Familie, Ryan – war es für ihn sehr wichtig, alles zu tun, dass ich auch nie außerhalb des Ordens heirate. Tja, dass ich schwul bin, hat er zum Glück nicht gewusst.“ Er machte eine kurze Pause und starrte auf den Boden. „Früher hat er mir immer nur gesagt, was ich machen soll und wenn es nicht klappte, hat er … na ja, er hat halt ein paar Ohrfeigen ausgeteilt. Ich sollte eben immer und überall zeigen, dass ich sein Sohn bin. Und dann hat er plötzlich gemeinsame Sache mit MacDermot gemacht und meine Mum und mich einfach mit in die Sache reingezogen. Daher ist es ganz gut, dass er jetzt tot ist und er uns für alle Zeit in Ruhe lässt. Wenn ihr also unbedingt jemanden trösten wollt, dann meine Mum. Mir geht es gut, diese Nachricht kam nur sehr überraschend.“

Nach dieser impulsiven Erklärung sahen Ryan und Gillean die Sache aus einem völlig anderen Blickwinkel, und sie nickten verstehend.

„Irgendwie erinnert mich das an meinen Cousin“, sagte Ryan und seine Freunde sahen ihn neugierig an. „Schon seit dem Kindergarten wollte er immer besser und beliebter sein als ich. Manchmal hat er sich gerne mit mir geprügelt und am Schluss mir die Schuld in die Schuhe geschoben. Prügeln ist echt sein Lieblingshobby. Und offenbar scheint es mein Onkel auch endlich kapiert zu haben, denn er hat ihn zu Hause rausgeschmissen.“

„Jungs“, meldete sich Aidan zu Wort. „Es ist besser, wenn ich jetzt wieder arbeite. Mrs. Clark fragt sich bestimmt schon, was los ist und ich habe keine Lust, ihr etwas zu erzählen. Können wir uns vielleicht in meiner Mittagspause weiter unterhalten?“

„Ups.“ Gillean sah auf seine Uhr. „Wir müssten schon längst in Mathe sein.“

„Mist!“ Ryan sprang vom Bett auf. „Mr. Bourke hält uns garantiert eine Standpauke.“

Aidan lachte, er konnte sich seinen früheren Lehrer gut vorstellen.

„Hier wird nicht gelacht. Ich möchte lieber einen Abschiedskuss“, flüsterte Ryan und beugte sich zu Aidan vor.

„Dein Wunsch ist mir Befehl“, salutierte Aidan frech schmunzelnd und dann küsste er ihn.

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